Köln Postkolonial

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Namibiastraße

Joachim Zeller

zeitgenössische Kolonialpostkarte
„Spitzkopje Deutsch-Südwest-Afrika“,
zeitgenössische Kolonialpostkarte aus der Reihe „Deutsche Schutzgebiete“,
herausgegeben vom Deutschen Kolonialhaus Berlin, nach 1898.
Die Postkarte suggeriert die Kolonie als menschenleeren Landschaftsraum,
in den die weißen Siedler ungehindert eindringen können. Die
Afrikaner sind lediglich als exotisches Beiwerk dargestellt. (Bild: Sammlung Joachim Zeller)

Namibia

Seit dem Jahr 1990 gibt es im „Afrika-Viertel“ im Kölner Stadtteil Nippes eine Namibiastraße. Die Umbenennung der Straße, die zuvor Carl-Peters-Straße hieß, erfolgte zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit Namibias. Namibia hatte als letzte der vormaligen Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent seine staatliche Souveränität erlangt, womit – nach einem langen und blutigen Befreiungskampf – eine mehr als hundertjährige Fremdherrschaft zu Ende ging. Von 1884 bis 1914 trug Namibia den Namen Deutsch-Südwestafrika und war eine Kolonie des wilhelminischen Kaiserreichs. Nach dem Ersten Weltkrieg gelangte Südwestafrika unter die Mandatsherrschaft Südafrikas, d.h. des weißen Minderheitsregime in Pretoria.

Die Kolonie „ Deutsch-Südwestafrika“ (1884-1915)

Obwohl wegen seiner ariden Beschaffenheit als „Sandbüchse“ verspottet, entwickelte sich Deutsch-Südwestafrika zu einer ausgesprochenen Siedlungskolonie des Deutschen Reichs, wo mehr als die Hälfte aller Kolonialdeutschen lebte. Bis 1914 betrug die Zahl der hier aus dem Reich eingewanderten weißen Siedler 14.830 (zum Vergleich: Togo 368, Kamerun 1.871, Deutsch-Ostafrika 5.336, Südsee 1.984, Kiautschou 4.470) . Wie in den anderen Überseegebieten, so wurde auch in Deutsch-Südwestafrika die Entsendung einer „Kaiserlichen Schutztruppe“ notwendig, um die deutsche Vorherrschaft dauerhaft absichern zu können.

Reklamesammelbild
Reklamesammelbild aus der Serie „Deutsche Kolonien“,
Hartwig & Vogel’s Tell-Cacao, um 1909. (Bild: Sammlung Willi Goffart)

Die deutschen Siedler ließen sich vor allem im zentralen Hochland nieder, mit der Folge, dass es zur Verdrängung der einheimischen Bevölkerung aus den besten Weidegebieten kam. Die Farmbetriebe der Südwester-Deutschen arbeiteten aber nicht selten unwirtschaftlich. Neben der Groß- und Kleinviehzucht wurden Erze und Mineralien gefördert; die 1908 im Süden des Landes entdeckten Diamanten machten schließlich zwei Drittel der Einnahmen der Kolonie aus. Das „Schutzgebiet“ Deutsch-Südwestafrika blieb mit seinen enormen Investitionen in die Infrastruktur, aber auch den hinzuzurechnenden Kosten für das Militär ein staatlich subventioniertes Verlustgeschäft.

Holzstiche
„Missionserfolge in Deutsch-Südafrika“ ist der Artikel aus dem Jahr 1885
überschrieben, dem diese, nach Fotografien hergestellten Holzstiche entnommen
sind; rechts „christliche Herero“ und links „heidnische Nachbarn der Herero“.
Die Gegenüberstellung der beiden Bilder soll die „Segnungen der
europäischen Zivilisation“ deutlich machen. Die Botschaft lautete aber
auch, dass sich die afrikanischen Völker nur durch eine Assimilierung
an die Europäer weiter entwickeln könnten. (Bild: Daheim, 1885)
Herero vor ihren Rundhäusern
Herero vor ihren Rundhäusern, Deutsch-Südwestafrika, um 1900. (Bild: National Archives of Namibia, Windhoek)

Kolonialkrieg und Völkermord (1904-1908)

Nach vorangegangenen, wiederholt auch gewaltsam ausgetragenen Konflikten brach im Januar 1904 der im deutschen Sprachgebrauch so genannte Hereo-Nama-Aufstand aus. Dieser Kolonialkrieg dauerte bis Anfang des Jahres 1908 und erschütterte die Kolonie nachhaltig. Zunächst erhoben sich die Herero unter ihrem Paramount-Chief Samuel Maharero gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Als Kriegsursachen gelten die Verschärfung der s ozialen Spannungen mit den in immer größerer Zahl einwandernden weißen Siedlern, die Vergewaltigungen von Herero-Frauen, eine nach Hautfarbe entscheidende Kolonialgerichtsbarkeit, das Händler- und Kreditunwesen, Landverluste und die Einrichtung erster Reservate, in die die Afrikaner abgeschoben werden sollten. Der von Kaiser Wilhelm II. entsandte Generalleutnat Lothar von Trotha führte als neuer Oberbefehlshaber der Schutztruppe einen gnadenlosen Vernichtungsfeldzug gegen die aufständischen Herero durch.

Kriegsgefangene Herero in Ketten
Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia):
Kriegsgefangene Herero in Ketten, 1904. (Bild: National Archives of Namibia, Windhoek)

Ab Oktober 1904 erhoben sich im Süden des Landes auch die Nama unter Hendrik Witbooi und nach seinem Tod unter Jacob Marengo und anderen Anführern. Auf den jahrelangen Guerillakrieg der Nama reagierte die deutsche Seite mit einer Politik der „verbrannten Erde“. Letztlich erlag auch dieser Widerstand der Übermacht des deutschen Kolonialmilitärs. Die überlebenden Nama wurden wie zuvor die Herero in Konzentrationslagern interniert. Der Kolonialkrieg kostete auf deutscher Seite 1.750 Menschen das Leben. Die Mortalitätsrate auf afrikanischer Seite kann nur geschätzt werden. So wird davon ausgegangen, dass zwischen 35-80% der ca. 40.000-100.000 Herero und bis zu 50% der ca. 22.000 Nama umgekommen sind. Wie viele der ebenfalls betroffenen Damara ihr Leben verloren, muss wegen der schwierigen Quellenlage ungeklärt bleiben. Bei diesem Kolonialkrieg handelte es sich nicht, wie oft behauptet, um einen „normalen Krieg“, der ohne weiteres mit anderen Gewaltexzessen des imperialistischen Zeitalters vergleichbar ist. Die Kriegsführung unter dem hauptverantwortlichen General von Trotha wird von der heutigen Forschung als Völkermord bewertet. Kontrovers diskutiert wird vor allem die Frage, ob und inwieweit Analogien zwischen diesem kolonialen Völkermord und dem Holocaust festzustellen sind.

Nach dem Ende des Kolonialkrieges folgte die Enteignung des Land- und Viehbesitzes der Herero und Nama. Die „Eingeborenen“ wurden fortan dem Arbeitszwang und einem rigiden Kontrollsystem unterworfen. Die im Norden der Kolonie – außerhalb der „Polizeizone“ – lebenden Ovambo-Völker wurden als Wanderarbeiter in die Wirtschaft des Landes einverleibt. Der südwestafrikanische Kolonialstaat konnte nun mehr oder weniger ungehindert sein Ziel durchsetzen, eine auf „Rassentrennung“ basierende Gesellschaftsordnung zu errichten, innerhalb derer die weißen Kolonialherren den Afrikanern lediglich die Rolle als Billiglohnarbeiter (fast) ohne jede Rechte zugestanden. Die auf den Erhalt der „Reinrassigkeit“ der deutschen Siedlerschaft - und damit der deutschen Nation - zielende Gesellschaftspolitik brachte die Trennung der Rechtssysteme nach deutschem und „Eingeborenenrecht“ mit sich. Dazu gehörte das Verbot von „ Mischehen“, das 1905 in Deutsch-Südwestafrika und in einigen anderen Kolonien des Deutschen Reiches erlassen wurde. So kann die deutsche „Eingeborenenpolitik“ als Vorläufer der Apartheid betrachtet werden, jenem rassistischen System, das später die seit 1915 regierenden Buren perfektionierten und das erst mit der Unabhängigkeit Namibias im Jahr 1990 sein Ende finden sollte.

 

Allerdings konnte die angestrebte lückenlose Überwachung der afrikanischen Bevölkerung seitens der Kolonialverwaltung nur mühsam und unvollkommen umgesetzt werden. Infolge personeller und infrastruktureller Unzulänglichkeiten, der bestehenden Interessenunterschiede zwischen Verwaltung und Siedlerschaft und nicht zuletzt wegen des rebellischen Verhaltens der Afrikaner funktionierte der Überwachungsstaat nur sehr unzulänglich. Viele Schwarze entzogen sich der kolonialstaatlichen Repression genauso, wie sie auch die unter den weißen Herren verbreitete Neigung zur Prügelei umgingen: Sie entkamen in die nur schwer zu kontrollierenden Weiten des Wüsten- und Savannenlandes, nachdem sie zuvor die „Passmarken“ – mit Nummern versehene Blechmarken, die jeder Afrikaner über sieben Jahre um den Hals tragen musste – fortgeworfen hatten. Die Afrikaner waren also keineswegs nur in der Opferrolle, sie ordneten sich keineswegs den äußerst widrigen Umständen ihres von einer totalitär-rassistischen Kolonialgesetzgebung geprägten Alltagslebens widerstandslos unter, sie wussten die Politik der Unterwerfung zu hintertreiben und abzuwehren, so dass die deutschen – und nach dem Ersten Weltkrieg die südafrikanischen – Kolonialherren ihre Machtvorstellungen nicht ungehindert und nur unzureichend verwirklichen konnten.

Titel des Buches „Deutsch-Süd-West-Afrika
Titel des Buches „Deutsch-Süd-West-Afrika. Bilder aus den Kriegen gegen die Hereros und Hottentotten“, mit einem Geleitwort v. Sr. Exc. d. Generalleutnants z. D. (Lothar) von Trotha, Schöneberg-Berlin 1907. Der Buchtitel zeigt die Herrenmenschenattitüde der Deutschen gegenüber den Afrikanern.

Seit dem Jahr 2001 ist eine Reparationsklage der „Herero People’s Reparation Corporation“ bei US-Gerichten anhängig, die gegen deutsche Firmen und die Bundesregierung in Berlin gerichtet ist. Nach dem Vorbild der Entschädigungen für die NS-Zwangsarbeiter wollen die Nachkommen der Herero Wiedergutmachungszahlungen für den von der deutschen Schutztruppe in den Jahren 1904-1908 verübten Völkermord und die anschließende Zwangsarbeit der Überlebenden durchsetzen . Nach Auffassung von Juristen hat allerdings die bisher schon zweimal abgewiesene Klage kaum Aussicht auf Erfolg. Anlässlich des hundertsten Jahrestages der „Schlacht am Waterberg“ Mitte August 2004 bat die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Heidemarie Wieczorek-Zeul die Nachkommen der Opfer um Entschuldigung für die deutschen Kolonialverbrechen. In ihrer Rede sagte sie: „Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde – für den ein General von Trotha heutzutage vor Gericht gebracht und verurteilt würde.“ Die deutsche Bundesregierung lehnt allerdings bis heute Entschädigungszahlungen ab. Im Gegenzug wird auf die besonderen Entwicklungshilfeleistungen verwiesen, die Namibia von Seiten Deutschlands zu Teil werden.

Blick auf Windhoek
Blick auf Windhoek, links die 1910 errichtete evangelisch-lutherische Christuskirche,
rechts das 1997 fertig gestellte Gebäude des Supreme Court.
Im Hintergrund rechts ist das alte deutsche Kolonialfort, die „Alte Feste“,
und links davon das aus dem Jahr 1912 stammende Reiterdenkmal zu erkennen. (Foto: Joachim Zeller, 2003)

Die südafrikanische Mandatsherrschaft (1919-1989)

Das Ende der Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika war faktisch schon mit der Kapitulation der kleinen deutschen Kolonialtruppe vor der südafrikanischen Unionsarmee und dem Übergabevertrag von Khorab im Juli 1915 vollzogen worden. 1920 überantwortete der Völkerbund Südwestafrika als so genanntes C-Mandat der britischen Krone, die die Verwaltung des Territoriums seinem Dominium, der Südafrikanischen Union, übertrug. Die neue Mandatsverwaltung von Südwestafrika verhielt sich jedoch äußerst nachsichtig gegenüber der besiegten Kolonialmacht; ca. 6.700 Deutsche konnten im Lande bleiben, während ca. 6.400 repatriiert wurden, denen man später jedoch die Möglichkeit zur Wiedereinreise gewährte. Im Gegensatz zu allen anderen ehemaligen deutschen Kolonien, wo man die Deutschen ausgewiesen hatte, blieben auch die wirtschaftlichen Besitztümer und Eigentumsrechte der deutschen Bevölkerung weitgehend unangetastet. Durch die nun einsetzende Einwanderung von Buren aus Südafrika veränderte sich jedoch die demographische Struktur innerhalb der weißen Bevölkerung. Die deutschsprachigen Südwestafrikaner wurden von einer Majorität zu einer Minorität innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe. Die Deutschen als die einstmaligen Herren des Landes waren nunmehr nur noch die geduldeten Verlierer. 1913 stellten die Deutschen noch einen Anteil von 83% (12.292) an der weißen Bevölkerung, gegenüber 11% Buren. Im Jahr 1921 waren es 40% Deutsche (7.855). 1936 hatten sie mit einem Anteil von 31% (9.779) an der weißen Bevölkerung gegenüber 59% Buren einen eindeutigen Minderheitenstatus.

Armensiedlung bei Otavi
Armensiedlung in der Nähe der Minenstadt Otavi. Namibia hat – statistisch gesehen – die weltweit größten Einkommensunterschiede. (Foto: Joachim Zeller, 2002)

Der Kampf der Deutschen ums Überleben als ethnische Gruppe richtete sich vor allem gegen jegliche Assimilierung mit den Buren – die Parole lautete, nicht zu „verburen “ – wie sie am kolonialen Revisionsgedanken festhielten. Doch schaffte es der Deutsche Bund, die führende Interessenvertretung der deutschstämmigen Bevölkerungsgruppe, nicht, Deutsch als dritte Amtssprache durchzusetzen. Die zunehmende deutsch-südafrikanische Konfrontation war die wesentliche Ursache für die sich schon seit 1932 abzeichnende Abkehr vieler Südwester-Deutscher vom Deutschen Bund und der Hinwendung zu der bis dahin bedeutungslosen NSDAP-Landesgruppe. Von der neuen nationalsozialistischen Regierung im Deutschen Reich erhoffte man sich die Lösung der noch offenen kolonialen Frage – wie sich zeigen sollte, letztlich vergeblich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Südwester-Deutschen keine Großmacht mehr im Rücken hatten, ordneten sich die deutschen Siedler den seit 1948 in Pretoria regierenden burischen Nationalisten unter. Die neue, von der Nationalen Partei (NP) gestellte Regierung rettete die von Ausweisung bedrohten Südwester-Deutschen; diese dankten es der NP bzw. der NPSWA mit ihren Wählerstimmen, behielten aber ihre antiburischen Ressentiments bei. Schließlich profitierten sie von den von Pretoria geschützten Privilegien der Weißen, weshalb sie auch ein internationales Treuhandsystem für Südwestafrika/Namibia ablehnten und sich in die Wagenburg der Apartheid zurückzogen.

Bewaffneter und ziviler Befreiungskampf (1966-1989)

Der Forderung der UNO (Nachfolgeorganisation des Völkerbundes), Südwestafrika unter deren Treuhandverwaltung zu stellen, kommt Südafrika nicht nach. Vertreter des schwarzen Bevölkerungsgruppen Südwestafrikas/Namibias überreichten in der Folgezeit zahlreiche Protestpetitionen vor den Komitees und der Vollversammlung der UNO. Die Situation verschärfte sich, nachdem Südafrika seit den 1950er Jahren damit begann, seine Apartheid-Gesetzgebung („Rassentrennung“) auch auf Namibia zu übertragen. Auf Grundlage des „Odendaal-Plans“ kam es zur Bildung sog. „Homelands“, die die alten Reservate ablösten und in die die afrikanische Bevölkerung – wie schon zuvor nach Ethnien getrennt – zwangsweise umgesiedelt wurden. Die weiße Bevölkerung erhielt fast 50% des Landes, die aber lediglich 8 % der Gesamtbevölkerung ausmachte. Während der 1959 erfolgten Auflösung der „Alten Werft“ in Windhoek und der Umsiedlung der Bewohner in das vor den Toren der Stadt gelegene „Township“ Katutura kam es zu einem Blutbad, bei dem elf Menschen von der Polizei erschossen wurden. Das Ereignis löst eine neue Phase des Widerstandes, von Streiks und Boykottaktionen aus. Kontraktarbeiter aus dem Ovamboland organisierten den Widerstand gegen die südafrikanische Besatzungsmacht, die Namibia als 5. Provinz seinem Staatsgebiet einzuverleiben wollte.

1966 entzog die UNO Südafrika das Mandat. Südafrika erkannte dies jedoch nicht an. Es weigerte sich, der UNO die Kontrolle über das Land zu übergeben. Die südafrikanische Politik zielte zunehmend darauf ab, Namibia als 5. Provinz seinem Staatsgebiet einzuverleiben. Kontraktarbeiter aus dem Ovamboland organisierten den Widerstand gegen die südafrikanische Besatzungsmacht. Die 1960 gegründete Befreiungsbewegung SWAPO (South West African Peoples Organisation) setzte diesen Befreiungskampf fort und führte ihn ab 1966 auch mit bewaffneten Mitteln. Die SWAPO wurde 1974 durch eine Resolution der UN-Vollversammlung als einzig authentische Vertretung des namibischen Volkes anerkannt.

Die Kirchen Namibias trugen die Unabhängigkeitsbestrebungen mit. Die Gründung neuer „schwarzer“ Kirchen – z.B. die Oruuano-Kirche – ging mit der Emanzipation von den Missionskirchen einher. Für weltweites Aufsehen sorgte im Juni 1971 der offene Brief, den Leonard Auala, Bischof der „Evangelisch-Lutherischen-Ovambo-Kavango-Kirche“, zusammen mit Paulus Gowaseb, dem Vorsitzenden der „Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südwestafrika“, an den südafrikanischen Premierminister Vorster richtete. Der Protestbrief ist ein Markstein im Kampf der Namibier gegen die Politik der „Rassentrennung“, gegen Unterdrückung der Menschenrechte und für ein unabhängiges Namibia.

Erst mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes und dem Abzug der kubanischen Truppen aus Angola willigte Südafrika in freie Wahlen unter UN-Aufsicht ein, die im Jahr 1989 stattfanden. Die SWAPO ging als Siegerin aus den Wahlen hervor. Im März 1990 erlangte Namibia seine Unabhängigkeit und wurde als 151. Mitglied in die Vereinten Nationen aufgenommen.

Namibia heute

Namibia ist heute eine Präsidialrepublik, das Parlament besteht aus zwei Kammern, dem Nationalrat und der Nationalversammlung. Amtssprache ist Englisch, weitere Verkehrssprachen sind u.a. Afrikaans, Ndonga/Oshivambo. Erster Präsident des Landes war Sam Nujoma (SWAPO); 2005 wurde Hifikepunye Pohamba (SWAPO) als dessen Nachfolger ins Präsidentenamt gewählt. 1993 erhielt Namibia seine eigene Währung, den Namibia-Dollar (N$), der an den südafrikanischen Rand gekoppelt wird, da Namibias Wirtschaft nach wie vor eng mit der südafrikanischen verbunden ist.

Namibia hat etwa zwei Millionen Einwohner (Stand 2005) und weist ein starkes Bevölkerungswachstum (3 %) auf. Abzuwarten bleibt, welchen Einfluss die stark zunehmende Aids-Pandemie, von der bereits über 20 % der Bevölkerung betroffen sind, auf die weitere Entwicklung haben wird. Zu der multiethnischen Gesellschaft des Landes gehören Ovambo, Kavango, Herero, Nama, Damara, Himba, San (älteste Bevölkerungsgruppe Namibias), Caprivianer (u.a. Mafue, Masubia), Rehobother Baster und Weiße (5 %, u.a. Buren, Namibia-Deutsche). Mit ca. 50 % stellen die Ovambo die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe dar. Rund die Hälfte der Einwohner ist direkt oder indirekt von der Landwirtschaft abhängig. Bergbau, Fischfang und der Tourismus stellen die wichtigsten Wirtschaftszweige dar. Die verarbeitende Industrie ist in Namibia nach wie vor nur schwach ausgeprägt.

Obgleich Namibia auf fast allen Politik- und Wirtschaftsfeldern wie beim Ausbau der Infrastruktur im gesamtafrikanischen Kontext gut da steht, weist es - statistisch gesehen - die weltweit größten Einkommensunterschiede auf. Mehr als die Hälfte der Menschen lebt in absoluter Armut. Die wuchernden Squattersiedlungen vor allem in Windhoek legen davon Zeugnis ab. Die sozialen Gegensätze sind letztlich auch eine der Ursachen und Nährboden für die beunruhigende Zunahme von Gewalt- und Eigentumsdelikten.

Im Norden Namibias
Der Norden Namibias ist vielfach noch traditionell geprägt. Die Aufnahme entstand 2002 in der Nähe der Stadt Rundu. (Foto: Joachim Zeller)

Die – aus der Kolonial- und Apartheidzeit ererbte – ungleiche Landverteilung ist bis heute nahezu unangetastet geblieben. Rund 4.500 kommerzielle (mehrheitliche weiße) Farmer besitzen 43% des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens, während sich 150.000 schwarze Haushalte 42% des restlichen Landes teilen müssen. Die bis heute kaum in Gang gekommene Landreform ist zu einem anhaltenden Streitpunkt der namibischen Innenpolitik geworden. Das seit 1990 vom Staat betriebene Neusiedlerprogramm ist weitgehend gescheitert. Bis zum Jahr 2008 wurden lediglich 256 Farmen an etwa 2000 Familien umverteilt. Die Neusiedler erhalten einen Pachtvertrag auf 99 Jahre; einen Eigentumstitel erhalten sie nicht. Die Neusiedler können aus diesem Grund keine regulären Kredite aufnehmen, da sie keine Sicherheiten bieten können. Die Folge ist, dass für die notwendigen Investitionen in die Infrastruktur häufig das Geld fehlt. Davon abgesehen, wird eine weitere Umverteilung durch Förderkredite ermöglicht, mit denen auf dem offenen Markt Farmland aufgekauft werden kann; 10% des Kaufpreises müssen die Interessenten selbst beisteuern. Seit 1992 sind auf diese Weise 755 Farmen (mit 3,4, Mio. Hektar) in ‚schwarze Hände’ übergegangen; weitere 271 Farmen wurden mit regulären Krediten erworben. Dieser Eigentumswechsel ging nahezu ausschließlich an die neue politische und wirtschaftliche Elite Namibias.

An der Independence Avenue in Windhoek.
An der Independence Avenue in Windhoek. (Foto: Joachim Zeller, 2011)

Abgesehen davon beanstanden Kritiker, dass im postkolonialen Namibia eine gerechtere Verteilung der Ressourcen zwischen Arm und Reich auf sich warten lässt. Es wird darauf verwiesen, das das Ungleichgewicht zwischen einer weiterhin in Armut lebenden afrikanischen Bevölkerungsmehrheit und einer privilegierten Minderheit, meist Weißer, mittlerweile aber auch einer dünnen schwarzen Mittel- und Oberschicht, bisher kaum behoben wurde. Daran ändert auch nichts, dass rund 40 % des Staatshaushaltes auf Bildung und Gesundheit entfallen. Moniert wird insbesondere auch die de facto Einparteiherrschaft der ehemaligen Befreiungsbewegung SWAPO und das daraus resultierende Demokratiedefizit. Der SWAPO, die als eine mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit ausgestatteten Regierungspartei die Geschicke des Staates lenkt, und dies, ohne auf eine ernstzunehmende Opposition Rücksicht nehmen zu müssen, wird Günstlingswirtschaft und ein rüder Umgang mit Oppositioniellen und kritischen Medien vorgeworden. Die Folge ist, dass in Namibia alles andere als ein tolerantes Meinungsklima herrscht. Der Vorwurf des Demokratiedefizits galt (und gilt) vor allem dem ersten Präsidenten Sam Nujoma, der Tendenzen eines selbstherrlichen Autokraten zeigte. Beim Korruptionswahrnehmungsindex (Corruption Perception Index, CPI) der Antikorruptionsorganisation Transparency landet Namibia im Jahr 2009 unter den 180 Ländern auf Platz 56. Namibia erhielt auf der 10-Punkte-Skala 4,5 Punkte. Ein Land, das weniger als 5 Punkte erhält, gilt als "hoch korrupt".

Ein aktuelles Reizthema in der Öffentlichkeit Namibias ist die politisch motivierte Gewalt, die während des rund 23 Jahre dauernden „Buschkrieges“ um die Unabhängigkeit des Landes begangen wurde. Im Zentrum der Debatte stehen die von der SWAPO-Exilführung zu verantwortenden Menschenrechtsverletzungen. Die SWAPO – bzw. ihr militärischer Flügel, die PLAN – hatte während des Befreiungskampfes hunderte von Kombattanten aus den eigenen Reihen in Lagern in Sambia und Angola interniert. Unter dem Vorwand, die Infiltration von südafrikanischen Agenten verhindern zu wollen, wurden viele der unter Spionageverdacht stehenden Gefangenen in der Haft gefoltert und exekutiert. Die Zahl der Vermissten beläuft sich auf circa 2.000. Dabei sollte allerdings nicht unberücksichtigt bleiben, dass die schweren Menschenrechtsvergehen, die sich das weiße Minderheitsregime in Pretoria im Zuge seiner auch in Namibia praktizierten Apartheidpolitik hatte zu Schulden kommen lassen, quantitativ diejenigen weit überwogen, die auf das Konto der Exil-SWAPO gehen. Anders aber als in Südafrika mit seiner – gleichwohl nicht unumstrittenen – Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission) vereitelte die nach der Unabhängigkeit im Jahr 1990 in Namibia erlassene bedingungslose Generalamnestie die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der jüngeren Vergangenheit. In der offiziellen Erinnerungspolitik Namibias werden diese Menschenrechtsverletzungen totgeschwiegen. Die SWAPO-Regierung verweigert sich hartnäckig den Forderungen der Opfergruppen, diese Verbrechen anzuerkennen. Die Interniertenfrage ist mittlerweile zum Testfall für die noch junge Demokratie Namibias geworden.

Schüler in Swakopmund
Schüler in Swakopmund. (Foto: Joachim Zeller, 2011)

Im März 2010, als sich die Unabhängigkeit Namibias zum zwanzigsten Mal jährt, wiederholen Beobachter ihre schon in den Jahren zuvor geäußerte Kritik, welche sich insbesondere am Demokratiedefizit fest macht. Trotz einer sehr liberalen Verfassung, trotz grundsätzlich funktionierender Regierungsinstitutionen und trotz einer formalen Mehrparteiendemokratie, leide der politische Pluralismus in Namibia durch die Einparteiherrschaft der SWAPO. Die "Befreiungsbewegung an der Macht" betreibe ungeniert Klientelpolitik und missbrauche durch ihr autoritäres Auftreten ihre Machtposition. Die SWAPO tue sich nach wie vor äußerst schwer damit, Kritik am eigenen Regierungs- und Verwaltungsstil zu akzeptieren. Sie bekämpfe auch nicht ernsthaft die grassierende Korruption im Lande. Bei der Überwindung der sozio-ökonomischen Gegensätze im Lande trete Namibia nahezu auf der Stelle. Die während des Befreiungskampfes versprochene Politik einer Umverteilung von oben nach unten habe sich angesichts von Massenarmut und einer Arbeitslosigkeit von über 50 % als Fehlanzeige herausgestellt. Jedoch, so wird betont, könne man die demokratische Entwicklung Namibias keinesfalls als gescheitert betrachten. Zivilgesellschaftliche Gruppierungen und Menschenrechtsorganisationen zeigen eine bemerkenswerte Zivilcourage, zu gesellschaftspolitischen Problemen Stellung zu beziehen. Die Medien, allen voran der "Namibian", sind Sprachrohr der kritischen Debatte, müssen allerdings dafür viel Gegenwind, gar Beschimpfungen bis hin zu Bedrohungen aus Regierungskreisen einstecken. Dagegen hätten sich die Wirtschaftsverbände auf Distanz mit der SWAPO-Regierung arrangiert, die Kirchen äußerten sich kaum mehr zur Politik und die Gewerkschaften können – oder wollen – sich nicht aus der Rolle eines Sprachrohrs der SWAPO lösen.

Bei den Parlaments- und Präsidentenwahlen Ende November 2014 kommt die SWAPO auf 80 Prozent der Wählerstimmen. Sie kann damit ihre Dreiviertelmehrheit noch weiter ausbauen. Der Kandidat der SWAPO für das Präsidentenamt, Hage Geingob, erhält mit 86 Prozent eine noch höhere Zustimmung als seine beiden Vorgänger Sam Nujoma und Hifikepunye Pohamba. Mit 4,9 Prozent landet der Präsidentschaftskandidat der DTA, McHenry Venaani, abgeschlagen auf dem zweiten Platz. Die Wahlbeteiligung liegt bei knapp 72 Prozent. Insgesamt ziehen 10 von 16 zur Wahl zugelassenen Parteien in das Windhoeker Parlament ein. Die SWAPO kann mit ihrer satten Mehrheit unangefochten die Regierungsgeschäfte weiterführen und – wie schon in den Jahren zuvor – Verfassungsänderungen durchsetzen. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse rutscht die Opposition noch weiter in die Bedeutungslosigkeit ab.

Reiterdenkmal im Hof der Alten Feste in Windhoek
Das Ende Dezember 2013 demontierte Reiterdenkmal im Hof der Alten Feste in Windhoek. Im Hintergrund erhebt sich das im Jahr 2014 eröffnete Unabhängigkeitsmuseum. Zuvor hatte dort hundert Jahre das Reiterdenkmal, das bekannteste deutsche Kolonialdenkmal des Landes, seinen Platz gehabt. (Foto: Joachim Zeller, 2016)

 

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Letzte Aktualisierung am: 14.06.2016