Köln Postkolonial

Die Themen:

Personen

Der Kölner Jurist und Kaufmann Max Esser

Ute Röschenthaler


Max Esser mit Pickelhaube in Guben 1917

Max Esser war eine der schillerndsten Figuren, die im Kamerun der deutschen Kolonialzeit aufgetreten sind. Die einen lobten ihn als einen umsichtigen und verantwortungsvollen Plantagenmanager, die anderen klagten ihn als Kapitalisten an, der die organisierte Zwangsarbeit in Kamerun eingeführt und in opportunistischer Weise einen Vertrag mit dem König von Bali zur Entsendung von Arbeitskräften auf seine Plantagen abgeschlossen habe. Manche kreideten ihm auch spekulative Geldgeschäfte und seiner Reisebeschreibung nach Angola zweifelhafte Wissenschaftlichkeit an. Wie auch immer man darüber urteilen mag, Max Esser war ein maßgeblicher Exporteur des europäischen Kapitalismus nach Kamerun. Er war an den ersten Etappen einer Entwicklung von Kameruns Wirtschaftsgeschichte beteiligt, der Entstehung der Plantagenwirtschaft im großen Stile und der damit einhergehenden Arbeitsmigration. Dabei hatte er anfangs nicht einmal die Absicht gehabt, nach Kamerun zu fahren, einem Land, das Deutschland gerade im Begriff war, sich anzueignen.

Max Essers Familiengeschichte und seine kolonialwirtschaftlichen Interessen

Die Zeit, in der Max Esser aufwuchs, war eine Zeit des Aufbruchs und der Orientierung wirtschaftlicher Aktivitäten in Bezug auf jene Regionen, die wenig später von den verschiedenen europäischen Staaten kolonisiert werden sollten. Max Esser wurde am 14. September 1866 in die renommierte katholische Kölner Juristenfamilie Robert Esser geboren. Sein Elternhaus Am Hof 22 nahe dem Dom wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Heute hat der Westdeutsche Rundfunk an dieser Stelle in neuen Gebäuden seinen Sitz. Die Essers besaßen auch eine Sommerresidenz am Rhein. Über seine Jugend ist wenig überliefert. Max Esser trat in die Landwehr ein, und studierte sodann bis 1891 Rechtswissenschaften in Freiburg, Berlin, und Bonn. Zu jener Zeit war die Universität zu Köln durch die französische Besatzungsmacht noch geschlossen. Nach seinem Studium promovierte er in Leipzig als externer Student über das Aquilianische Recht (die römische Lex Acquilia). Da ein Doktorand in Leipzig, anders als dies in den meisten anderen Universitäten zu jener Zeit üblich war, nur eine Fassung seiner Dissertation abgeben musste, und diese sehr wahrscheinlich im zweiten Weltkrieg verloren ging, konnte kein Exemplar mehr ausfindig gemacht werden. Nach Erlangung der Doktorwürde arbeitete Esser in der Berliner Zweigstelle des Schaaffhausenschen Bankvereins, einer angesehenen Kölner Handelsbank.

Max Essers Neigung zu kolonialwirtschaftlichen Unternehmungen liegt sicherlich in seinem familiären Umfeld begründet. Betrachtet man Essers Familiengeschichte näher, so erklärt sich, wie viel das kaufmännische und juristische Wissen, das er über seine Familie mitbekommen hatte, zu seinem Erfolg beigetragen haben muss. Sein Großvater väterlicherseits, Ferdinand Joseph Esser (1802-1871), war Geheimer Justizrat und Präsident des Zentral-Dombau Vereins, der zum Ziel hatte, historische Gebäude zu erhalten und Kunstwerke zu fördern. Dieser hatte Caroline Esser (1810-1883), die Tochter des Regierungsrats Reiner Esser (1747-1883) aus einer anderen Esser Familie geheiratet, deren wohl einziger Sohn, Max Essers Vater, Robert Joseph Esser (1833-1920), war. Er war Rechtsanwalt, bekam die Ehrendoktorwürde, wurde Geheimer Justizrat und erhielt eine Reihe von Auszeichnungen: den Roten Adlerorden, den Kronenorden Zweiter Klasse mit Stern und andere Orden des Preußischen Staates. Auch er wurde aktiv im Kölner Dombau-Verein und in anderen kunstfördernden Institutionen. Die 1908/10 entstandenen Mosaiken im Darmstädter Hochzeitsturm wurden beispielsweise von Max Essers Vater gestiftet. Er besaß zwei Häuser in Köln, schrieb mehrere Bücher über Firmenrecht und war Vorsitzender von mindestens neun Firmen, darunter dem Kölner Schaaffhausenschen Bankverein, der Rheinisch-Westfälischen Bodenkreditbank, und war im Vorstand weiterer dreizehn Firmen, unter anderem bei einigen Plantagengesellschaften wie der Konzessionsgesellschaft Südkamerun. Über den Schaaffhausenschen Bankverein sollte Max Esser später seine Kolonialgeschäfte abwickeln. Essers spätere Schwiegermutter war eine geborene Deichmann, Tochter einer bedeutsamen Kölner Bankiersfamilie, der der Schaaffhausensche Bankverein vor seiner Umwandlung gehörte. Max Essers Vater heiratete 1864 Adele Josephine von Kaufmann (1845-1919) aus Köln. Sie war aktiv im Deutschnationalen Frauenverein, und wurde 1883 Vorsitzende der Kölner Zweigstelle des Deutschen Frauenvereins für Krankenpflege in den Kolonien, war Dame des Luisenordens und erhielt die Medaille zweiter Klasse des Roten Kreuzes. Sie war die Tochter des ehemaligen jüdischen, getauften Jakob von Kaufmann-Asser (1819-1875), der später eine der ersten Effektenbanken in Köln gründete. Robert und Adele Esser hatten vier Kinder, zwei Söhne, Ferdinand und Max, und zwei Töchter, Henriette und Karoline. Max Schwester, Henriette, heiratete 1891 den Kölner Verleger Albert Ahn (1869-1935), bei dem Max Esser wenige Jahre später ein Buch über seine Expedition veröffentlichen sollte. Max Bruder studierte, wie sein Vater, Recht und wurde Justizrat. Sein Sohn, Robert Esser der Jüngere (1895-1969), wurde Eigentümer des Kölner Bankhaus Ferdinand Schröder AG und Vizepräsident der Kölner Industrie- und Handelskammer. Auch er war im Zentral-Dombau Verein aktiv.

Max Esser begann, sich konkret in der Kolonialwirtschaft zu engagieren, als 1895 ein Konsortium von Bankern und Industriellen, die im Kolonialgeschäft tätig waren, Mittel für eine Expedition nach Angola zusammengetragen hatten. Ziel war es, die Möglichkeiten zu erkunden, eine Eisenbahn von einem Hafen im nördlichen Deutsch-Südwest Afrika nach Transvaal an den Indischen Ozean zu bauen. Sie beauftragten Max Esser damit, die geographischen Gegebenheiten an der angolanischen Küste zu erkunden. Esser erklärte sich bereit, diese Aufgabe mit seinem früheren Studienkollegen Victor Hoesch in Angriff nehmen. Hoesch wiederum machte Esser mit Eugen Zintgraff, dem Kameruner Forschungsreisenden, bekannt, der seit Beginn der 1890er Jahre das Inland Kameruns erkundete. Zintgraff gelang es, Esser und Hoesch für eine Exkursion nach Kamerun zu begeistern. Der neue Gouverneur der Kolonie Kamerun war zudem daran interessiert, Land für Plantagen zu akquirieren, und dieses an interessierte Investoren zu verkaufen. Esser passte hervorragend zu diesen Bestrebungen. Ungelöst war bislang lediglich die Frage, woher die Arbeitskräfte für die Plantagen kommen sollten. Erste Erfahrungen lagen bereits vor. Adolph Woermann hatte die Kameruner Land- und Plantagengesellschaft gegründet, und Jantzen und Thormählen hatten mit Pflanzungen von Kakao und Tabak begonnen. Beide hatten zunächst teure importierte Arbeiter angestellt. Zintgraffs Plan war nun, den Fon von Bali, den Herrscher eines kleinen Königreiches im Grasland von Kamerun, den er kannte, um seine Hilfe zu bitten. Mit dem Erscheinen von Esser und Hoesch sah er nun die Gelegenheit gekommen, wieder dorthin zu reisen und mit seinem Freund, dem König, einen Vertrag über die Entsendung von Arbeitern aus Bali für die Plantagen an der Küste abzuschließen. Esser stimmte dem sofort zu, zeigte sich am Aufbau von Plantagen interessiert und versprach die nötigen Gelder zu organisieren, wollte das Land aber vorher inspizieren. Sie planten, zuvor noch Sao Thomé zu besuchen, wo bereits erfolgreiche Plantagenunternehmen zu besichtigen waren.

Die Expedition, der Aufbau der Plantagen, die Esser Affäre und die Weltkriege

Am 6.Mai 1896 begannen die drei auf einem portugiesischen Dampfer ihre Reise. Sie besuchten Sao Thomé und besichtigten die dortigen Plantagen. Dann setzten sie nach Kamerun über. Sie wurden vom Gouverneur aufs Wärmste empfangen und brachen kurze Zeit später zur geplanten Expedition ins Grasland auf. Zuerst reisten sie mit dem Boot den Mungo flussaufwärts und dann zu Fuß den langen Weg entlang der Balistrasse hinauf ins Kameruner Grasland. Sie gelangten ohne weitere Zwischenfälle dorthin, denn noch ihre Vorgänger hatten Schwierigkeiten, die Handelssphären der lokalen Bevölkerungen zu überschreiten, die um jeweils ihre Vormachtstellung im Handel fürchteten.


Zeitgenössische Postkarte der Westafrikanischen Pflanzungsgesellschaft „Viktoria“

Der König von Bali schickte ihnen sogar eine Eskorte entgegen und empfing sie aufs freundlichste. Nach langen Diskussionen entschied sich der König schließlich, dem Vertrag zuzustimmen. Der Vertrag wurde durch Kriegsspiele befestigt. Esser und seine Begleiter, Eugen Zintgraff und Victor Hoesch, nahmen an den Festlichkeiten der Kriegsaufführungen in Ermangelung eines ehrwürdigen Anzuges in Bademänteln mit Gürtel und Gewehr teil – ein Aufzug, der dem König von Bali sehr zu gefallen schien und Esser selbstironisch an den Kölner Karneval erinnerte. Einige Tage später ließen sie Zintgraff auf dessen Wunsch in Bali zurück, und machten sich auf den Rückweg an die Küste.

Nach dem Aufenthalt in Kamerun nahmen Esser und Hoesch ihre nächste Aufgabe in Angriff und reisten nach Angola. Dort organisierten sie eine weitere Expedition ins Hinterland von Mossamedes. Ende 1896 kehrten sie wohlbehalten nach Deutschland zurück. Max Esser hielt seine Eindrücke von der gesamten Reise in seinem 1898 erschienenen Buch „An der Westküste Afrikas: wirtschaftliche und Jagd-Streifzüge“ fest. Essers Buch war in einem Stile geschrieben, der eindeutig die Leserschaft für Unternehmungen solcher Art begeistern sollte. Esser schilderte seine Erlebnisse und Errungenschaften auch in Vorträgen für die Geographische Gesellschaft Berlin und die Deutsche Kolonialgesellschaft in Berlin.

Nach seiner Rückkehr lebte Esser in Berlin, und gründete die Westafrikanische Pflanzungsgesellschaft Victoria. Er hatte vor Ort verantwortliche Personen eingesetzt, die das Unternehmen beaufsichtigten. Tatsächlich schickte der König von Bali wenig später die erste Truppe von Arbeitern an die Küste. Am Anfang jedoch gab es aufgrund mangelnder Erfahrung massive Probleme, schlechte Behandlung der Arbeiter und schwere Krankheiten, von denen auch die Kakaopflanzen befallen wurden. Trotzdem entwickelte sich das Unterfangen erfolgreich, und Esser wurde Mitbegründer weiterer Pflanzungsgesellschaften.


Die Esser-Affäre ging sogar in das Satiremagazin
Kladderradatsch ein

Im Jahre 1898 bekam Esser eine Audienz beim Kaiser, während der er diesem eineinhalb Stunden lang von seinen Reiseerlebnissen und dem Nutzen der Plantagenunternehmungen berichtete. Der Kaiser verlieh ihm daraufhin den Kronenorden Zweiter Klasse im jungen Alter von 32 Jahren. Vermutlich hatte Esser ein wenig zu dick aufgetragen, und sein Besuch beim Kaiser wurde bis in die Klatschpresse Berlins getragen. Die Tägliche Rundschau begann ihn zu attackieren, er habe die Geographische Gesellschaft und überhaupt auch den Kaiser mit seinen Berichten hintergangen, weil einiges daran nicht stimmig sei, und er die in seinem Buch aufgezeigte Reiseroute in Angola überhaupt nicht in der kurzen Zeit hätte zurücklegen können. Esser wollte den Korrespondenten Hans Wagner vor Gericht bringen, woraufhin Wagner ihn zum Duell herausforderte, was jedoch verhindert wurde. Esser wurde wegen des Duellaufrufs zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, jedoch nach wenigen Tagen durch einen kaiserlichen Erlass wieder auf freien Fuß gesetzt.

Die Attacken zogen sich ein ganzes Jahr lang hin. Im selben Jahr jedoch heiratete Max Esser Franziska Elisabeth (Lily) Dutreux (1871-1935), die Tochter eines Luxemburger Industriellen. Sie lebten in Berlin und hatten eine Tochter, Elisabeth (1900-1984). Viel ist über Essers Tochter nicht bekannt. Aus erster Ehe hatte sie zwei Kinder, einen Sohn, der früh starb, und eine Tochter Johanna Maria Jordan, über die jedoch wenig in Erfahrung gebracht werden konnte.

Max Esser hatte seit 1899 mehrere Plantagen am Kamerunberg gegründet, auf denen er Kakao, Kaffee, Vanille, und andere begehrte Nutzpflanzen wie Gummi (Kickxia) anbaute. Er kehrte regelmäßig alle ein bis zwei Jahre nach Kamerun zurück, um die Plantagen zu inspizieren. Esser war zwischen 1900 und 1907 im Vorstand einer Reihe von bedeutenden Unternehmen, darunter auch einer hanseatischen Gesellschaft, die deutsche Siedler in Brasilien förderte. 1909 hatte er zwei Häuser in Berlin erworben und ein Vermögen von 11 Millionen Mark mit einem jährlichen Einkommen von 0,8 Millionen, wodurch er auf der Liste der preußischen Millionäre auf Nummer 52 platziert war. Nach seiner letzten Kamerunreise 1907/08 war das Unternehmen Westafrikanische Pflanzungsgesellschaft Victoria jedoch in Schwierigkeiten geraten, einerseits durch eine Zunahme an Braunfäule auf den Kakaoplantagen, andererseits durch den Preisabfall auf dem Weltmarkt, zudem standen technische Erneuerungen an. Er sah sich gezwungen, vom Vorstand zurückzutreten. Weitere Konkurrenz baute sich durch die Picht-Gruppe auf, und Esser scheint sich sodann immer weiter aus dem Plantagenbusiness zurückgezogen zu haben. 1910 verkaufte Esser das eine, dann ca. 1916 das andere Berliner Haus. Stattdessen erwarb er einige Jahre später eine prachtvolle Villa in der Ludwig-Wilhelm Strasse 5 in Baden-Baden.

Essers Plantagenunternehmen waren indes für die Bevölkerung am Kamerunberg nicht folgenlos. Die großen Landflächen, die er für seine Pflanzungen benötigte, gehörten zuvor der Bakwiri-Bevölkerung, denen die Regierung oder auch Esser selbst das Land für wenig Geld oder sogar nur für Alkohol abgekauft hatten. Die Bakweri dagegen hatten nie beabsichtigt, das Land zu veräußern, sondern hatten es nur in Form von Nutzrechten zur Verfügung gestellt, für das sie regelmäßige Entschädigungen erwarteten, die sie selbstredend nie bekamen. Im Gegenteil, durch die koloniale Erklärung, dass alles nicht unmittelbar genutzte Land „herrenloses Land“ sei und der Kolonialregierung gehöre, verloren sie so viel Land, dass das verbleibende kaum zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse ausreichte. Hinzu kam ein zweites Problem, das in den zahlreichen fremden Plantagenarbeitern bestand. Dieses Problem legte den Grundstein für ein bis in die Gegenwart andauerndes Problem in Kamerun zwischen einer migrierenden Graslandbevölkerung und den entrechteten eigentlichen Landbesitzern.

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg gingen die kolonialen Plantagenunternehmen an England. Erst in den 1920er Jahren ersteigerten einige Unternehmen ihre Pflanzungen wieder. In jener Zeit war Esser auch wieder einige Jahre (von 1926 bis 1936) im Vorstand der Westafrikanischen Pflanzungsgesellschaft tätig. Darüber hinaus liebte er Pferderennen. Das Photoalbum seiner Tochter zeigt ihn mehrmals auf verschiedenen Rennen, unter anderem auf Norderney. Essers Frau starb 1935 in Samaden in der Schweiz. Esser selbst lebte bis zum 6. Februar 1943 in Baden-Baden und verstarb im Alter von 77 Jahren. Esser wurde auf dem Gemeindefriedhof in Baden-Baden begraben, nicht auf dem prächtigen Melatenfriedhof, auf dem die übrigen Mitglieder seiner Familie ruhen. Sein Haus ging in den Besitz der Tochter über, die es mindestens bis 1950 behielt. 1955 hatte es bereits einen neuen Besitzer.


Zeitgenössische Postkarte der Westafrikanischen Pflanzungsgesellschaft „Viktoria“

Die Objekte im Linden-Museum

Weitere Zeugnisse von Essers Kamerunreise sind im Linden-Museum in Stuttgart zu finden. Es sind die „mannshohen Fetische“, von denen Esser in seinem Buch schreibt, dass er sie in den Orten Bulo N’Guti und Ikiliwindi erstanden habe. Es sind seltene lebensgroße holzgeschnitzte Statuen, wie es sie heute in dieser Gegend Kameruns nicht mehr gibt. Wie viele seiner Zeitgenossen sammelte Esser verschiedenste Objekte auf seiner Reise ins Grasland, ohne jedoch deren Herkunft und lokale Nutzung detailliert zu dokumentieren. Wir wissen nicht, wie sie lokal benannt wurden und wo er sie gesehen hatte. In seinem Buch erwähnt er nur kurz, dass er in Ikiliwindi, dem „größten Bakundu-Dorf“, einen „äußerst künstlerisch gestalteten Fetisch“ im Tausch gegen ein Akkordeon erwarb. In Bulo N’Guti erwarb er drei solche „Fetische“ nach langen Verhandlungen mit dem „Häuptling“ und dem „Zauberer“ im Tausch gegen verschiedene Güter.

Auf einer Reise durch diese Dörfer im Jahre 1999, gut hundert Jahre später, war nichts mehr über die lebensgroßen Figuren bekannt, während solche Skulpturen zu Essers Zeit noch relativ häufig gewesen zu sein scheinen, wie aus anderen frühen Quellen hervorgeht. 1999 existierte auch das Dorf Bulo N’Guti nicht mehr, und Ikiliwindi stellte sich als ein Bafaw-Dorf und nicht als Bakundu-Dorf heraus. Dass die lokale Bevölkerung nicht mehr viel über die Skulpturen wusste, ist nicht allzu verwunderlich, denn die deutsche Kolonialregierung hatte kurze Zeit später in jener Gegend die meisten Bünde, denen solche Skulpturen gehörten, verboten, und Missionare hatten ihr bestes getan, die Leute zum Christentum zu bekehren und die Paraphernalien der Bünde und Kulte den Flammen zu übergeben oder gelegentlich in europäische Museen zu bringen.

Auch die Skulpturen, die Max Esser sammelte, gelangten letztlich in ein Museum. Anfangs beabsichtigte er, sie dem völkerkundlichen Museum in Berlin zu übereignen, doch nachdem Esser kurz nach seiner Rückkehr auch einen Vortrag für den Verein für Handelsgeographie in Stuttgart gehalten hatte, zeigte Graf von Linden aus Stuttgart ernsthaftes Interesse an seiner Sammlung. Von Linden eröffnete zu jener Zeit (1897) gerade ein Museum und suchte nach wertvollen Exponaten. Wie aus der Korrespondenz im Archiv des Museums hervorgeht, schrieb er Max Esser einen Brief, in dem er ihn bat, dem König von Württemberg für das Museum seine Kollektion zu übereignen, so wie dies damals üblich war.

Ein ganzes Jahr verging, bevor Esser antwortete. In seinem Schreiben versprach er dem König schöne große „Fetische“ und eine Anzahl von Waffen und Tonpfeifen. Er legte auch eine Kopie seines druckfrischen Buches bei. Graf von Linden versicherte Esser das Entzücken des Königs, der ihm für die Sammlung einen dekorativen Orden versprach, dies jedoch mit der Bitte verband, noch mehr Objekte der Sammlung hinzuzufügen, z.B. Frauenspeere aus Bali und vor allem den „vierten Fetisch“. Im Januar 1899 schickte Esser seine restliche Sammlung an den König. Die Eingangspapiere des Linden-Museums weisen etwa 210 Objekte der Sammlung Esser auf, die meisten jedoch kleine Gegenstände wie Schmuckstücke, mit Substanzen gefüllte Hörner, Musikinstrumente, Helme und Mützen, Felltaschen, Schwerter, Messer und Peitschen, 74 dekorierte Tonpfeifen und 38 „Frauenkleider“, die aus winzigen aromatischen Grassschürzchen mit einem pfauenfederartigen Schmuckteil für die Hinterseite bestehen. Heute ist nur noch etwa die Hälfte der Sammlung vorhanden, teils aufgrund der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, teils aufgrund von Tauschvorgängen gegen andere Sammlungen. Die Studiensammlung Mainz z.B. besitzt sieben Stücke aus der Esser-Sammlung, die gegen Teile einer Hindukusch Sammlung eingetauscht worden waren. Den vierten „Fetisch“ konnte Esser jedoch nicht an Graf von Linden liefern. Er war auf der Schiffsreise nach Europa gestohlen worden, so Esser, und konnte bis heute nicht wieder gefunden werden.

 

Literatur

zur Navigation

Über diese Webseite:

Letzte Aktualisierung am: 29.10.2008