Köln Postkolonial

Die Themen:

Orte

Die Lesbarkeit der deutschen Kolonialgeschichte
"Eine Exkursion in die Straßen von Nippes und Ehrenfeld

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“
(Bert Brecht, Leben des Galilei)

Jürgen Nielsen-Sikora

 

Einleitung

Straßennamen dienen nicht allein der Orientierung in einer dicht besiedelten Welt. Sie spiegeln auch Geschichte wider1 und tragen insofern zum Bedeutungsgehalt von Stadtteilen, ganzen Städten und Orten bei. Da sie darüber hinaus eine Form der Ehrung darstellen, zumal dann, wenn die Straßen Personennamen tragen, entzünden sich immer wieder Debatten über Recht und Unrecht, Sinn und Unsinn jener Geschichte, auf die sie rekurrieren und die sie in die Gegenwart moderner Städte hineintragen. So lastet ohne Zweifel auf der Namensgebung vieler Straßen eine historische Hypothek, die stets aufs Neue befragt werden muss. Denn Straßennamen sind letztlich auch Teil dessen, was man in der Geschichtswissenschaft in Anlehnung an den französischen Historiker Pierre Nora Erinnerungsorte (lieux de mémoire) tauft – Orte, an denen sich das kollektive Gedächtnis manifestiert. In der aktuellen historischen Diskussion trifft dies in erster Linie für die Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte zu. Der Disput über die Rechtmäßigkeit von Straßennamen mit Kolonialbezug sensibilisiert aber auch im Hinblick auf die Beschaffenheit gegenwärtiger Gesellschaft und ihren Umgang mit der Geschichte. Denn die Gegenwart der Vergangenheit fordert stets zur Beurteilung und Reflexion von Einstellungen sowie zur permanenten Prüfung von Urteilen gegenüber historischen Sachverhalten auf.

Ich möchte in diesem Beitrag einen kleinen Ausschnitt der gegenwärtig geführten Diskussion aufgreifen und versuchen, die Problematik nachzuzeichnen, die sich ergibt, liest man die Geschichte, die sich hinter den Namen verbirgt, nur gründlich genug. Zu diesem Zweck bedarf es freilich eines näheren Blicks auf die Zeit der Kolonialherrschaft deutscher Prägung, die 1884, vor 125 Jahren, begann und im Jahre 1919 mit dem Versailler Vertrag endete. Die Geschichte der deutschen Kolonisation ist in der Tat eindringlich und nachhaltig ablesbar an den Straßennamen von heute, die als Signifikanten einer fast vergessenen Zeit die Richtung weisen. Sie ist ablesbar an der Lettow-Vorbeck-Straße in Mönchengladbach, Kaiserslautern, Cuxhaven, Halle (Westfalen) oder Delmenhorst; an der Von-Trotha-Straße in München oder Oberhausen; an der Lüderitzstraße in Berlin, Düsseldorf, Koblenz, Mannheim oder Ludwigshafen.

Der Literaturwissenschaftler Alexander Honold spricht in diesem Zusammenhang von »vergegenwärtigter Vergangenheit« und konstatiert, in der Politik der Namensvergabe spiegele sich die Intention, die koloniale Expansion in das „Weichbild“ der Städte einzutragen, „gleichsam wie in eine symbolische Grundbuch-Topographie. Die Demonstration der afrikanischen »Erwerbungen« und ihre Versammlung auf engstem Raume als urbanes Signifikanten-Material sollte eine Kohärenz und Folgerichtigkeit kolonialen Handelns simulieren… Über das Ende der Kolonialzeit hinaus bekunden weitere einschlägige Straßenbenennungen den Impuls, an dieser Vergangenheit zumindest symbolisch festzuhalten und eine melancholische Verlustbilanz einstiger kolonialer Größe zu inszenieren. Andererseits aber ist aus heutiger Sicht das Textgeflecht dieser afrikanischen Straßennamen als eine Art Chronik zu lesen, die entlang der realen Straßentopographie eine Exkursion in weit zurückliegende Dimensionen der kolonialen Vergangenheit zu unternehmen erlaubt.“2

Auch in Köln lässt sich eine solche Exkursion durchführen. Denn in der Domstadt tragen zahlreiche Straßen die Namen von Protagonisten der Kolonialzeit. Einige von ihnen wurden bereits im Kaiserreich nach ihren „Helden“ benannt, andere verdanken ihr Gedenken an den Kolonialismus den Nationalsozialisten, die ab Mitte der 1930er Jahre in Nippes ein ganzes Viertel mit Namen von Kolonial-Akteuren versahen. Dazu gehörten Gustav Nachtigal, Carl Peters und Adolf Lüderitz. Die Häufung von Straßennamen mit Kolonialbezug in Köln ist nicht verwunderlich, würdigte doch bereits der ehemalige Oberbürgermeister Wilhelm Becker im Jahre 1890 Köln als alte Kolonialstadt und betonte ihre „koloniale Kompetenz“.3

In Ehrenfeld ist es das so genannte „Chinesenviertel“ mit der Takustraße, der Iltisstraße und der Lansstraße, welches die Kolonialzeit anruft. Hinzu kommen die Gravenreuthstraße und die Wißmannstraße. Auf andere Stadtteile verteilt, sind des Weiteren die Eugen-Langen-Straße, die Bismarckstraße sowie der Wilhelmplatz4 und die Heinrich-von-Stephan-Straße zu nennen.

Auf drei dieser Straßen bzw. ihre Namensgeber werde ich im Folgenden näher eingehen. Zunächst beschäftige ich mich mit der ehemaligen Carl-Peters-Straße in Nippes, die heute Namibiastraße heißt. Im Anschluss daran möchte ich zeigen, wie sich die von Peters initiierte Kolonialgeschichte in der Ehrenfelder Wißmannstraße fortschreiben lässt. Schließlich endet meine Exkursion im Chinesenviertel von Ehrenfeld. Da vor allem Peters und Wissmann eine herausragende Rolle bei den Gräueltaten der „Kolonialpioniere“ gespielt haben, lohnt hier eine eindringliche Lektüre ihrer Taten.

Mein Beitrag nimmt somit Bezug auf ein fragwürdiges, vor der Folie seiner gewalttätigen Exzesse äußerst zweifelhaftes Kapitel der deutschen Geschichte, bei dem es – in den Worten des Historikers und Kolonialbefürworters Heinrich von Treitschke – um die „Beherrschung der Welt durch die weiße Rasse“5 ging, deren kulturelle Höherwertigkeit im ausgehenden 19. Jahrhundert mehrheitlich nicht infrage stand. In Deutschland war die durch Treitschke zum Ausdruck gebrachte Überzeugung zugleich eine der Nebenwirkungen der aufstrebenden Nationalbewegung nach 1871. Aggressiver Nationalismus und gewaltsames Eindringen in fremde Kulturen mit dem Anspruch, diese zu missionieren und in ihrer Entwicklung zu „heben“, gingen seither Hand in Hand.

Bereits 1879 publizierte Friedrich Fabri, Leitender Inspektor der Rheinischen Missionsgesellschaft in Wuppertal-Barmen, ein Buch mit dem Titel: „Bedarf Deutschland der Colonien?“ und regte damit eine breitere öffentliche Diskussion an. Im Export von Menschen, Kapital und Gütern erblickte er eine „allumfassende Krisentherapie“6 für das Deutsche Reich. Es dauerte allerdings weitere fünf Jahre, ehe die ersten „Kolonialpioniere“ wie Nachtigal, Lüderitz und Peters als Privatmenschen so genannte „Schutzverträge“ mit afrikanischen Häuptlingen abschlossen.

 

1. Lektüre: Namibiastraße

Die Kölner Debatte über das Wirken von Carl Peters

Wer dieser Tage durch die Namibiastraße in Nippes geht, vernimmt vielleicht das Pausengeschrei der Schulkinder aus der angrenzenden Bülowstraße. Und dennoch strahlt das Afrikaviertel insgesamt viel Ruhe aus. Abseits der viel befahrenen Niehler und Neusser Straße wirkt es wie eine kleine Oase inmitten des städtischen Trubels. Auf Grund der vielen Einbahnstraßen ist der Stadtteil ohnehin zum Alptraum der Autofahrer geworden.

Die zahlreichen Grünanlagen und Bäume laden zum Verweilen ein. Und die alten Straßenlaternen, von denen es heute nur noch wenige gibt, stimmen beinahe schon ein wenig nostalgisch. Die Namibiastraße, in der auch die Neuapostolische Kirche ihre Zelte aufgeschlagen hat, liegt also in einem der schöneren Viertel des Kölner Nordwestens. Bis zum Jahre 1990 hieß diese Straße nach dem Gründer „Deutsch-Ostafrikas“ Carl-Peters-Straße.

Bereits im Jahre 1986 hatte ein Kölner Journalist bei der Bezirksvertretung in Nippes beantragt, die Peters-Straße in Kemal-Altun-Straße umzubenennen. Der 23-jährige Altun nahm sich wenige Jahre zuvor durch einen Sprung aus dem sechsten Stock des Berliner Verwaltungsgerichts das Leben, nachdem sein Antrag auf Asyl abgelehnt worden war und ihm ein Abschiebungsverfahren in die Türkei drohte, wo die Nachwehen des Militärputsches noch zu spüren waren. Dem Antrag des Journalisten wurde jedoch nicht entsprochen. Einstimmig lehnte die Bezirksvertretung Nippes den Antrag ab, denn ohne Einverständnis der Anwohner könne eine Umbenennung nicht vorgenommen werden. Doch die Diskussion über Peters kam nun erst recht ins Rollen. Es dauerte allerdings weitere vier Jahre, bis die Straße, diesmal auf Antrag der Nippeser Grünen, umbenannt wurde. Allen voran war es der spätere Initiator des Kölner Geisterzuges, Erich Hermans,7 der die Umbenennung der Peters-Straße vorantrieb und in der Bezirksvertretung Nippes, zunächst gegen die Stimmen der CDU, mit Erfolg umsetzte.8

Im Namen der Grünen forderte Hermans nur wenige Monate nach der Ablehnung des ersten Antrags auf Umbenennung, wenigstens Zusatzschilder an den Straßennamen anzubringen. Für die Carl-Peters-Straße schlug er vor: „Carl Peters … skrupellos, geltungssüchtig … wurde von den Nazis als frühes Ideal des deutschen Herrenmenschen in Anspruch genommen.“9 Doch die Bezirksvertretung lehnte auch diesen Antrag ab. Die Grünen luden daraufhin im Juni 1987 zu einem öffentlichen Dia-Vortrag über Peters mit anschließender Diskussion in einer Nippeser Realschule ein und stellten sodann 1988 selbst den Antrag, die Straße umzubenennen. Grundlage des Antrags bildeten in der Hauptsache Zeitungsartikel und koloniale Fachliteratur, die zu diesem Zeitpunkt, zumindest was Peters betrifft, nicht sonderlich erschöpfend war. Dem Grün-offenen Arbeitskreis Nippes (Fraktion der Grünen) ging es seinerzeit um die Umbenennung der ganzen Straßen im Afrikaviertel. Nach Aussage seines Kollegen Bernd Harter war Erich Hermans die treibende Kraft: „Da mir bekannt war“, so Hermans, „dass sich die Bewohner der meisten Straßen gegen Umbenennungen wehren, da sie Briefköpfe, Stempel u.a.m. neu erstellen lassen müssen, hatte ich in meinem ersten Antrag gefordert, dass für den Fall der Nicht-Umbenennung zumindest Zusatzschilder mit Erläuterungen zu den Personen angebracht würden. Die waren den anderen BV-Mitgliedern zu lang und auch etwas zu hämisch. Es wurde ein Prüfauftrag beschlossen, der nach ein paar Jahren dazu führte, dass die Carl-Peters-Str. in Namibiastr. und die Lüderitzstr. in Usambarastr. umbenannt wurden.“10

Auch andere Namen waren als Alternativvorschläge für die beiden betroffenen Straßen im Umlauf. So wurde angeregt, eine Straße nach Steve Biko, dem Führer der Südafrikanischen Studentenorganisation SASO und Theoretiker der „Bewegung des schwarzen Bewusstseins“, zu benennen. Eine andere Anregung ging dahin, Jakob Morengas, der maßgeblich am Befreiungskampf Namibias zwischen 1903 und 1907 beteiligt war, zu gedenken. Wieder andere plädierten für Nelson Mandela oder gar Roger Milla, den Fußballspieler aus Kamerun.11

Die öffentliche Diskussion kam auf, nachdem die Kölner Stadtverwaltung das Historische Seminar der Universität zu Köln beauftragt hatte, Biografien und Quellenangaben zu den betreffenden Personen Peters und Lüderitz beizubringen. Die Aufgabe übernahm der Historiker Günter Wollstein, inzwischen Emeritus am Historischen Seminar I der Universität. Wollsteins Urteil machte damals den Weg frei für die Umbenennung. Er bilanzierte jedoch auch: „Straßenbenennungen, die an die deutsche Kolonialgeschichte erinnern, sind sicher nicht besonders glücklich. Andererseits sind Hinweise auf Aspekte der deutschen Geschichte, die nicht Vorbildcharakter haben, durchaus zu tolerieren.“12

Mit dem insgesamt kritischen Urteil Wollsteins gegenüber Peters und Lüderitz war jedoch der Weg geebnet, zumindest diesen beiden Straßen einen anderen, dem Zeitgeist gebührenden Namen zu geben. Der Rat der Stadt hatte allerdings bereits am 20. November 1980 beschlossen, Anträgen auf Umbenennung von Straßen nur in Ausnahmefällen stattzugeben. Insbesondere sollten die Kosten für die Anwohner so gering wie möglich gehalten werden. Des Weiteren dürften Straßen nicht nach noch lebenden Personen benannt werden. Und es kämen nur solche Personen in Frage,

Insgesamt erhielt die Bezirksvertretung 22 Rückmeldungen von Anwohnern, die Stellung sowohl zu den geplanten Umbenennungen als auch zu Namensvorschlägen machten. Die meisten dieser Eingaben brachten Unverständnis für das geplante Vorgehen der Bezirksvertretung zum Ausdruck. Dahingegen war einer der eingegangenen Rückmeldungen das politische Vorgehen nicht radikal genug. Sie verlangte die Umbenennung aller sechs Straßen, die Bezug auf die Kolonialgeschichte nehmen.

In der Fraktionsvorsitzendenbesprechung (FVB) vom 24. April 1990 wurden abschließend die Namensvorschläge festgelegt: Namibiastraße statt Carl-Peters-Straße. Der Name „Namibiastraße“ ist jedoch irritierend, denn Peters selbst hatte nichts mit Südwestafrika zu tun.14 Die Bezirksvertretung stimmte dem Vorschlag der FVB aber letztlich mit 15 zu 1 bei einer Enthaltung zu. Am 13. September 1990 erfolgte die Umbenennung. Die Kölnische Rundschau glaubte gut zwei Wochen später, dass „die letzten Reste des deutschen Kolonialismus“ nun getilgt würden.15 Genauer gesagt ging es um eine Korrektur des historischen Urteils über Carl Peters und dessen politisches Handeln im ausgehenden 19. Jahrhundert, welches im Straßenbild Kölns auch einhundert Jahre danach noch ablesbar war.

Ich werde im Folgenden sein Wirken näher beleuchten.

Das koloniale Wirken von Peters in Ostafrika

 
Carl Peters © Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt/Main, Nr. 6264_3051_3193_0013.

Carl Peters (1856-1918) war der Gründer der Gesellschaft für deutsche Kolonisation und einer der Initiatoren des deutschen Kolonialismus in Afrika. Im November 1884 reiste er unter falschem Namen nach Sansibar und schloss zwischen Ende November und Mitte Dezember zwölf Verträge mit afrikanischen Chiefs, die ihm die Ausbeutung von Bodenschätzen und das Recht auf Steuererhebungen sowie die deutsche Oberhoheit über das Gebiet sicherten. Auch wenn er sich das Mandat dieser Vertragsabschlüsse selbst gegeben hat, so ging es ihm mittelfristig darum, dem Deutschen Reich eine mit anderen Kolonialmächten wie Frankreich und Großbritannien vergleichbare Stellung in der Welt zu verschaffen.

In seiner Schrift über die Gründung von Deutsch-Ostafrika heißt es, wenige Tage nach seiner Ankunft in Sansibar habe er mit einer kleinen Expedition von dort auf das Festland von Ostafrika übergesetzt, wo er nach Abschluss eines Abtretungsvertrags mit dem „Häuptling“ von Useguha die deutsche Flagge hisste. Die „Besitzergreifung von Negerlandschaften“, wie Peters sie in der Gründungsschrift nennt, erfolgte in der Regel durch „eine Reihe von Geschenken“. Als er mit seinen Gefährten 1884 nach Sansibar fuhr, „wollte die deutsche Regierung von einer Kolonialgründung in Ostafrika nichts wissen, und sie tat alles, was sie tun konnte, um solche zu verhindern.“16

In diesem Kontext war Peters der Auffassung, dass die Regierung „die Sache noch keineswegs etwas anging, da kein Mensch, ich am wenigsten, sie ersucht hatte, sich um unsere Unternehmung zu kümmern.“17 Doch die Unterstützung durch das Deutsche Reich ließ nicht allzu lange auf sich warten, obwohl Bismarck in den Peters-Verträgen erst einmal nichts weiter als „ein Stück Papier mit Negerkreuzen“18 erblickte. Doch unmittelbar nach Abschluss der Kongokonferenz Ende Februar 1885 erhielt der „Afrikaforscher“ Peters einen kaiserlichen Schutzbrief von Reichskanzler Bismarck,19 der der Gesellschaft eine Art Gerichtsbarkeit über die angeeigneten Gebiete verlieh und sie mit Regierungsrechten ausstattete.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland gründete er daraufhin die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG), der es in der Folgezeit gelang, weitere Gebiete dem Deutschen Reich einzuverleiben. Bismarck, der lange Zeit skeptisch blieb, weil er Ungewissheit über die Kosten der Expeditionen fürchtete und seit seinem Brief aus dem Jahre 1868 an Kriegsminister Albrecht von Roon die Auffassung vertrat, die deutsche Marine sei noch nicht so weit, Schutz in anderen Staaten übernehmen zu können, schwenkte nun allmählich um. Denn die Kongokonferenz, zu der Bismarck die anderen europäischen Kolonialmächte nach Berlin mit der Motivation geladen hatte, die deutschen Ansprüche gegenüber Frankreich und Großbritannien geltend zu machen, hatte den afrikanischen Kontinent letztlich unter den europäischen Staaten aufgeteilt und ihm, Bismarck, somit freie Hand bei der Fortsetzung der deutschen Kolonialpolitik gewährt. Mit der Eroberung von Kolonien gedachte das Deutsche Reich dem Bevölkerungswachstum, den zunehmenden sozialen Spannungen sowie dem Rohstoffmangel angemessen begegnen zu können. Peters sah sich dazu berufen, eine an England orientierte deutsche Kolonialpolitik zu betreiben, wobei er betonte, „dass schon die bloßen Erwerbungen von Negergebieten ein gewisses diplomatisches Talent“20 erfordern würden. Im April 1887 erhielt er sodann von Bismarck den Auftrag, die Stellung der katholischen Missionen im Schutzgebiet zu umgrenzen, und reiste aus diesem Grunde mit Karl Freiherr von Gravenreuth21 nach Sansibar, um „der Macht des Deutschen Reiches zu dienen.“22 Die Nationalsozialisten merkten später an, Peters sei von dem Willen beseelt gewesen, Deutschland stark zu machen. Niemand Geringerer als Walter Frank, seines Zeichens Leiter des „Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschland“, das ab Juli 1935 die führende Geschichtsinstitution des „Dritten Reichs“ war, gab ab 1942 die Gesammelten Schriften von Peters heraus, aus denen ich alle hier verwendeten Zitate entnommen habe.

Peters betonte darüber hinaus in seinen kolonialpolitischen Aufsätzen, er habe stets die Auffassung vertreten, „dass mittelbar auch den Interessen der Negerwelt genützt sei; und um so mehr, je entscheidender man sie in die neuen wirtschaftlichen Ordnungen hinüberleitet, wobei ja freilich Gewaltmaßregeln leider nicht immer vermieden werden können.“23

Ja freilich: Solche Maßregelungen waren in seinen Augen insbesondere dann nicht vermeidbar, wenn die Autorität der Besatzer unterlaufen wurde, schließlich sei „der Neger von Gott zur Roharbeit geschaffen“ und habe „den Kulturgrad der Kontraktarbeit […] im allgemeinen noch nicht erreicht.“24 Peters ging es, wie er behauptete, in erster Linie um „eine Erziehung des Negers zu den Anschauungen unseres europäischen Wirtschaftssystems.“25 Dass dies nicht leicht sei, zeige sich daran, dass „der Neger […] ein unverbesserlicher Gewohnheitslügner“ wäre, der sich „in einer von uns entgegengesetzten Richtung entwickelt“ habe.26 Er selbst halte ihn „für im Stadium seniler Degeneration stehend.“ Und „da dem Neger alles abgeht, was wir Ehrfurcht, Dankbarkeit, Hingebung usw. nennen […], ist es klar, dass nur ein männlicher selbstbewusster Wille ihm imponieren kann, wie auch die ganze Geschichte des Negertums beweist.“27

Peters rechtfertigte etwaige Gewaltanwendungen damit, dass „Dutzende von »Greueltaten« […] unserer Weltstellung nicht halb so viel [schaden] wie der kleinliche und niedrige Geist, den die Mehrheit der deutschen Volksvertretung vor der ganzen gebildeten Welt“28 offenbare. Damit waren in erster Linie die Kritiker der deutschen Kolonialpolitik wie Eugen Richter und August Bebel gemeint.

Der Verachtung anderer Kulturen stand das Selbstbild Peters´ diametral entgegen. Denn er sah sich persönlich in einer Traditionslinie mit Cäsar, Friedrich dem Großen und Napoleon stehend, die er in seinen Berichten immer wieder als Vorbilder aufzählt.29 Aber er verglich sich auch gerne mit Kolumbus und dem englischen Kolonialpionier Cecil Rhodes, dem Begründer Rhodesiens (heute: Sambia und Simbabwe).30

Als promovierter Historiker, der bei Mommsen, Droysen und Treitschke, namhaften Historikern des 19. Jahrhunderts, gelernt hatte, machte er wenige Jahre später den Versuch, sich in Philosophie mit einer Arbeit zu habilitieren, die die Schopenhauerschen Reflexionen zur Welt als Wille und Vorstellung fortzuführen gedachte.31 Er brachte das Verfahren jedoch nicht zu Ende, weil er kurz vor dem Probevortrag nach Sansibar aufbrach, um den „Negern“ notfalls mit „rücksichtsloser Gewalt“32 zu imponieren und einen Teil der damaligen Welt nach seinem Willen und seiner Vorstellung zu gestalten. Zu diesem Zwecke hisste er in den eroberten Gebieten jedoch nicht bloß die deutsche Flagge, sondern ließ auch Galgen errichten, um Widersacher hängen zu lassen. Diese Praxis hatte ihm schon zu Lebzeiten die Bezeichnung „Hängepeters“33 eingebracht.

In der Geschichtswissenschaft erhielt er den Ruf, ein „krimineller Psychopath“ (Wehler) zu sein. Zu seinen psychotischen Charaktereigenschaften traten Rassismus und Chauvinismus, den er auch als Selbstbezeichnung in seinen Lebenserinnerungen erwähnt, hinzu. Diese Erinnerungen präsentierte er rhetorisch geschickt verpackt als Abenteuergeschichten, um für die Missionspolitik der DOAG zu werben. Deren Art von Politik bestand in dem Bestreben, die Einheimischen zu „zivilisieren“, sie zu „pflichtgetreuem Arbeitsmaterial“ zu machen, die „Negerbevölkerung“34 zu christianisieren, sie zu Achtung und Gehorsam gegenüber Europäern zu erziehen und Handelsgeschäfte zu beleben. Der alkoholkranke Peters neigte in diesem Zusammenhang immer wieder zu Gewaltexzessen. Einer dieser Exzesse kostete ihn schließlich sein Amt, nachdem er zu Beginn der 1890er Jahre seine afrikanische Konkubine und deren Liebhaber binnen weniger Monate aus Eifersucht aufhängen ließ. Peters argumentierte, die Einführung des Kriegszustands am Kilimandscharo und das damit verbundene Kriegsrecht habe „zweimal zur Vollstreckung von Todesurteilen an Negern“35 geführt.

Doch nicht dieser Gewaltexzess aus niederen Motivgründen, sondern allein der Tatbestand, dass Peters seine Amtsgewalt missbraucht hatte, führte letzten Endes dazu, dass er im dritten und letzten Prozess gegen ihn 1897 aus dem Reichsdienst entlassen wurde. Adolf Hitler hat ihn 1937 postum rehabilitiert und das Urteil gegen ihn aufgehoben. Im Jahre 1941 drehten die Nationalsozialisten gar einen Peters-Film mit Hans Albers in der Hauptrolle, der dem Peters-Kult weiteren Vorschub leistete und bis in die 1960er-Jahre anhalten sollte.

In seiner Schrift über die Gründung Deutsch-Ostafrikas betont Peters: „Unser aller erwartet nach dem Tode der Gerichtshof der Nachwelt, welcher allein kompetent ist, zu beurteilen, was wir in unserer irdischen Tätigkeit angestrebt und was wir erreicht haben.“36 In Nippes kam der Gerichtshof der Nachwelt, wie gezeigt, 1990 zu einer Neubewertung dessen, was Peters seinerzeit „erreicht“ hatte.

Anders hingegen verhält es sich bis zum heutigen Tag in Ehrenfeld.

 

2. Lektüre: Wißmannstraße

Mitte des 19. Jahrhunderts entstand im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung die kleine Stadt Ehrenfeld mit so genannten Dreifensterhäusern, langen Anbauten und schmalen Hinterhöfen.37 Sehr bald entwickelte sich Ehrenfeld zu einem beliebten Ausflugsziel und zu einem Ort, an dem sich zahlreiche Fabriken ansiedelten, angefangen von der Tapetenfabrik von Philipp Hoffmann bis hin zur Gasfabrik der ICGA und weiteren rund 20 kleinen Betrieben um 1868. Die Stadt wuchs in den kommenden 20 Jahren auf etwa 20 000 Einwohner an und wurde am 1. April 1888 in die Stadt Köln eingemeindet. Die erste neuangelegte Straße des aufblühenden Ehrenfelds war vermutlich die Stammstraße. Von ihr geht unter anderem die ehemalige Hermannstraße ab, die die Stammstraße mit der Subbelrather Straße verbindet und die im Zuge der Eingemeindung zur „Wißmannstraße“ wurde.38

Heute trifft man hier auf eine Videothek, einen Spielezirkus, eine Capoeira-Schule und einen Spielplatz mit großem Klettergerüst. Nicht wenige alte Häuser sind denkmalgeschützt, einige der Hauswände voller Graffiti. „Anno 1903“ ist auf einem von ihnen in großen Steinlettern lesbar. Und schräg gegenüber umrahmt in schwarzen Lettern auf rotem Grund der Schriftzug „Big Brother is watching you“ den Bundesadler, dessen Kopf als Überwachungskamera dargestellt ist. Wie auch die Namibiastraße ist die Wißmannstraße eine Einbahnstraße. Benannt ist sie nach „Deutschlands größtem Afrikaner“39 Hermann von Wissmann (1853-1905).

Eine Debatte über Hermann von Wissmann hat gerade erst begonnen, eine Umbenennung der Straße ist bis dato jedoch nicht vollzogen worden. Die Afrikanistin Marianne Bechhaus-Gerst initiierte zuletzt im Kölner Stadtmuseum einen Themenabend, verbunden mit einer Ausstellung40 zur Kölner Kolonialgeschichte. Die Internetplattform www.koeln-postkolonial.de führt diese Ausstellung virtuell fort und stellt eine wissenschaftlich fundierte Fundgrube zum Thema dar.41

Die Öffentlichkeit ist zwar in die beginnende Diskussion einbezogen, doch ist die Debatte noch recht jung, so dass es ein so ausführliches Quellenmaterial in Bezug auf lokale Aktivitäten wie im Falle der Peters-Straße bislang nicht gibt. Entscheidendes zu Wissmann hat allerdings Thomas Morlang in einer Pionierarbeit zusammengetragen.42

Insgesamt lässt sich im Falle Wissmanns festhalten: Die Ansichten und Aktivitäten dieses „großen Afrikaners“ waren nahezu deckungsgleich mit denen von Peters, sein Vorgehen in Ostafrika jedoch ungleich härter. „Keine Tätigkeit“, so Wissmann, „ist geeigneter, den Europäer für die richtige Behandlung der Neger zu erziehen als die militärische […] Er wird bald erkennen, dass er in den Negern eine noch in den Kinderschuhen steckende Rasse vor sich hat. […] Hört der gute Einfluss des Europäers auf, so fällt der Neger schnell wieder in seine alte Trägheit und Sorglosigkeit zurück. […] Dabei möge man sich aber als Richtschnur den Grundsatz dienen lassen, dass der Wilde erst die Überlegenheit unbedingt anerkennen muss, bevor man ihm Güte zeigt, da er letzteres sonst leicht als Schwäche auslegen würde.“43

 
Hermann von Wissmann
© Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt/Main, Nr. 7101_3162_0992_0021

Um die konkrete Rolle Wissmanns während der deutschen Kolonialherrschaft und der Kolonialkriege zu verstehen, muss man wissen, dass Wissmann die Bühne Deutsch-Ostafrikas betrat, als Carl Peters mit seinen Plänen vollends gescheitert war. Denn Ende der 1880er Jahre wurde Peters vom Kanzler mit der Leitung einer Expedition betraut. Peters wollte auf dieser Expedition unter anderem die Schutzgebiete bis an den Viktoria-See ausdehnen. Doch sein Habitus und die Art seines Auftretens riefen nicht selten blutige Konflikte hervor, an deren Ende unerbittliche deutsche Härte und Gewalt standen, Dörfer gebrandschatzt und Herden vertrieben oder geraubt wurden.

Im April 1888 erhielt die DOAG die Verwaltungshoheit über die ostafrikanische Küste und war darüber hinaus berechtigt, Zölle einzutreiben. Dies führte im Küstengebiet von Pangani, Bagamojo und Daressalam zu einem bewaffneten Aufstand, dessen die Gesellschaft selber nicht Herr zu werden vermochte. Deutsche Kriegsschiffe, die sie zu Hilfe gerufen hatte, nahmen daraufhin Hafenorte unter Beschuss.44

Die Reichsregierung beauftragte Hermann Wissmann, die Aufstände der ostafrikanischen Küstenbevölkerung niederzuwerfen. Zwecks dessen warb Reichskommissar Wissmann so genannte Askaris an,45 Soldaten aus afrikanischen Regimentern, in der Hauptsache Sudanesen und Zulus, die von weißen Offizieren angeleitet wurden und gemeinsam die „Schutztruppe“ bildeten, da deutsche Soldaten nicht unnötig im afrikanischen Guerilla-Krieg geopfert werden sollten.

 
© Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt/Main, Nr. 7821_3131_0414_0052

Neben rund 1500 afrikanischen Söldnern standen etwa 100 deutsche Offiziere und Unteroffiziere bereit. Zur Bildung der „Schutztruppe“ und Niederschlagung der Aufständischen stellte das Deutsche Reich ca. zwei Millionen Mark zur Verfügung.46 Offiziell erließ das Reich ein Gesetz zur Niederschlagung des Sklavenhandels in Ostafrika, das am 30. Januar 1889 in Kraft trat. Gegenüber der Öffentlichkeit diente das in Kongruenz zur Kongoakte stehende Gesetz als Schutzbehauptung für den eigentlichen Auftrag Wissmanns. Im Rahmen dieses Gesetzes unterstand die gesamte Küste fortan seinem Befehl, während Wissmanns späterer Schwiegervater, der Kölner Großindustrielle Eugen Langen, und andere Geld für sein Unternehmen durch eine „Anti-Sklaverei-Lotterie“ sammelten.47 Langen, der auch Vorstandsmitglied im Westdeutschen Verein für Kolonisation und Export und ein enger Vertrauter Fabris war, trat vehement für eine koloniale Expansion ein und stand alsbald an der Spitze der DOAG. In Köln war der Unternehmer Langen kolonialpolitisch engagiert,48 und die Kongokonferenz beurteilte er als erfreulichen Fortschritt einer modernen Kulturentwicklung.49 Bismarck bot ihm gar die Leitung der im Aufbau befindlichen Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes an, für die Langen wegen seiner Geschäfte schlichtweg die Zeit fehlte. Doch sein Engagement in der Sache war auch so nicht gering. Überhaupt betrachtete inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung wie auch die Abgeordneten im Deutschen Reich die Kolonialbewegung als „der Ehre Deutschlands dienendes Unternehmen.“50

Über Wissmann wusste man schon bald zu berichten, er habe ein „berüchtigtes Sklavenhändlernest an der Küste beschossen und zerstört.“51

Wissmanns erste kriegerische Maßnahmen vor Ort richteten sich vor allem gegen die „Rebellenführer“ Buschiri und Bana Heri.52 Unlängst war die Kontrolle Ostafrikas von der DOAG auf das Deutsche Reich übergegangen. Die Debatten im Reichstag wurden enthusiastischer. Die „Räuber Buschiris“, Mafiti genannt, so hieß es im Dezember 1889, seien „niedergemacht“ worden.53

Tatsächlich war Wissmanns Eintreffen der Beginn eines mehrere Jahre dauernden Buschkrieges, in dessen Zentrum eine Strategie der verbrannten Erde stand, für die insbesondere Wissmann und sein Mitstreiter Emil von Zelewski standen. Aber auch die von der DOAG zu Hilfe gerufenen Marinesoldaten zogen mit Waffengewalt, plündernd und vergewaltigend durch die Küstenorte. 54

Eugen Richter kritisierte angesichts dessen bereits am 30. Oktober 1889 das Vorgehen Wissmanns mit den Worten: „Wir lasen neulich, dass Herr Wissmann schon 700 Araber und Aufständische, wie sie genannt werden, hätte erschießen lassen, wir hören, dass bald dieses, bald jenes Dorf in Flammen aufgeht. Seine Truppen ziehen sengend und brennend umher, und die Aufständischen tun dergleichen, und das ganze nennt man in der Sprache der vorjährigen Thronrede »Kultur und Gesittung nach Afrika tragen«!“55 August Bebel hatte bereits zu Jahresbeginn im Reichstag gefragt, wer denn die DOAG eigentlich wäre, und selbst geantwortet: nichts weiter als Kapitalisten, deren Eigeninteressen sich nicht mit dem Interesse des deutschen Volkes deckten. Ihr einziges Anliegen sei es, so Bebel weiter, sich selbst zu bereichern.

Doch die zeitgenössische Kritik an der DOAG oder die scharfen Worte, die Wissmann nicht unzutreffend als größenwahnsinnigen Militärdiktator charakterisierten, waren die Ausnahme. Denn die Massaker der Schutztruppe unter Wissmann wurden von Georg Richelmann, Rochus Schmidt und anderen Weggefährten postum als Heldentaten nachgezeichnet. Einer der Offiziere in Wissmanns Truppe, Georg Maercker, berichtet, die Aufständischen seien von Wissmann zum Tod durch Erschießen oder den Strang verurteilt worden.56 In der Regel hatten solche Brutalitäten symbolischen Charakter. Denn eine Truppe von nicht einmal 2000 Mann war letzten Endes kaum imstande, ein Gebiet, um ein Vielfaches größer als das Deutsche Reich, zu überwachen, geschweige denn zu regieren. Hinzu kam, dass der afrikanische Kontinent keine Grenzen und Nationen im europäischen Verstande kannte. Afrikanische Herrschaftspraktiken waren für Europäer nur schwer durchschaubar, ethnische Gruppierungen nicht einheitlich regierbar, Unterwerfungen selbst mit organisatorischen, strategischen und eben militärischen Maßnahmen kaum zu bewerkstelligen. Deshalb sollten Spuren hinterlassen werden, Spuren, die nachhaltig auf die Anwesenheit des Besatzers aufmerksam machen sollten. Solche Spuren hinterließ man, so die Meinung von Peters wie auch von Wissmann, am ehesten durch Gewalt. Dieses Vorgehen der deutschen „Schutztruppe“ wurde auch von Zeitgenossen als grausam, rücksichtslos und schonungslos eingestuft.57

Kinder und Frauen wurden gefangen genommen und verschleppt, Brunnen vergiftet. Während in Afrika ein veritabler Krieg tobte, die Hungersnot wuchs und Krankheiten sich ausbreiteten, betrachtete die Bevölkerung im Reich die „gezähmten Wilden“ in Völkerschauen. Die dort der interessierten Öffentlichkeit präsentierten „Wilden“ stammten jedoch häufig nicht einmal aus den entsprechenden Kolonien.58 In der Bilanz des Reichskolonialamtes tauchten schließlich etwa 75 000 tote Afrikaner während der gesamten deutschen Kolonialzeit in Ostafrika auf. Andere Schätzungen bezifferten die Toten auf 300 000.59

Nach der Niederschlagung Buschiris überkam Wissmann nach eigener Auskunft ein „Gefühl der Befriedigung […], eine Vorausbelohnung für vieles Schwere, was noch kommen sollte.“60 In den Berichten der Offiziere heißt es: „Beim Aufbruch wurde das Zerstörungswerk durch Anzünden des Raubnestes gekrönt, und bald verkündeten schwere, langsam zum Himmel aufsteigende Rauchwolken […] weit ins Land hinein: der neue, vom deutschen Kaiser hierher geschickte Herr hat den ersten Sieg errungen […], unter Deutschlands Flagge zieht jetzt eine neue Zeit herauf!“61

Zelewski erhielt von Wissmann den Befehl, jeglichen Widerstand in den Dörfern „nachhaltig zu zerstören.“62 Bald darauf berichtete er von großen Verlusten des Feindes. Nachdem Buschiri seine „Rebellion“ bereits Mitte Dezember 1889 durch ein Urteil Wissmanns „am Galgen gebüßt“ hatte und auch Bana Heri geschlagen war, „wurden die Palisaden ausgehoben und zu großen Scheiterhaufen aufgetürmt, welche zusammen mit den Hütten des Dorfes angezündet, mit ihrer Rauchsäule weithin nach Useguha hinein die Kunde von Bana Heris Niederlage trugen.“63 Wissmann verkündete Anfang 1890 die Erstürmung der „Position Bana Heris mit 500 Mann“ an das Auswärtige Amt und ergänzte: „Hiermit ist vermuthlich die letzte Stütze des Aufstandes im Norden vernichtet.“64

 
Wissmanngrab, Melaten, mit der Inschrift: „Inveniam viam aut faciam“ (Foto: Autor)

Auch in der Domstadt empfingen die Menschen Wissmann mit Jubel und bereiteten ihm bei seiner Ankunft einen großen Empfang, da er „Deutschlands Ruhm“ über das Meer getragen und seine Waffen „mit Lorbeer geschmückt“ habe.65 Für das Vaterland, so der allgemeine Tenor, habe Wissmann „eine wertvolle Kolonie“ erstritten.66 Dafür ging Wissmann über Leichen. „Inveniam viam aut faciam“67 lautete sein von antiken Helden entnommener Wahlspruch: „Entweder es gibt einen Weg, oder ich bahne mir einen!“

In Ehrenfeld bahnte er sich bereits vor seinem Rachefeldzug durch Ostafrika seinen Weg. Um die koloniale Bewegung in Köln wach zu halten, setzte man ihm mit der Wißmannstraße nicht nur ein Denkmal – er erhielt auch die Möglichkeit, im Gürzenich in eigener Sache zu werben. Eine von Eugen Langen organisierte Anti-Sklaverei-Versammlung bot ihm dazu Gelegenheit. Am 24. Juni 1890 erhielt Wissmann vom Kaiser das erbliche Adelsprädikat „von“, die Universität Halle ehrte ihn mit der Ehrendoktorwürde. Noch im Jahr 2003 gründete sich an der Freien Universität Berlin eine Studentenverbindung, die sich den Namen Hermann von Wissmann gab. Gefördert wird die Verbindung vom Traditionsverband ehemaliger Schutz- und Überseetruppen, die auch das Grab Wissmanns auf dem Kölner Melatenfriedhof pflegt. Dem Verband wird unter anderem eine „nostalgisch verklärende Mythologisierung deutscher Heldentaten“68 vorgeworfen.

 

3. Lektüre: Chinesenviertel

„Lauly China Imbiss“. Das gelb-rote Schild des Fast Food-Restaurants wirkt wie der Willkommensgruß jenes Viertels, das in Ehrenfeld das „Chinesenviertel“ genannt wird. Exakt gegenüber dem Imbissrestaurant an der Subbelrather Straße 361, nur wenige hundert Meter von der Wißmannstraße entfernt, beginnt die Takustraße. Ein Sonnenstudio namens „Giga-Sun“ hat hier ebenso Unterschlupf gefunden wie die „St. Sebastianus Schützengilde von 1874“ oder die Taku-Klause, die das Eifeler Cramer-Bier ausschenkt. Die meisten Häuser hier gehören der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft Ehrenfeld eG. Dies gilt auch für die Iltis- und die Lansstraße.

Geht man vom Takuplatz aus über die Iltisstraße bis zum Eingang der Lansstraße, überkommt den Spaziergänger leicht das Gefühl, sich in einer Art Kanonenboot auf ein Fort zuzubewegen. Dafür sorgen sowohl der geschwungene Bau des Takuplatzes als auch der Eingang zur Lansstraße mit den drei Torbögen, durch die ich hindurchgehe und an einem Wetterstein vorbeikomme, der auf humorvolle Art über den Zusammenhang von Stein und Klima sinniert.

Dann, ein paar Meter weiter, fragt ein in schwarzen Lettern auf goldenem Grund an einem der Genossenschaftswohnungen angebrachtes Schild: „Warum Lansstraße?“ und gibt zur Antwort: „Im Jahre 1900 tobte in China der geschichtlich bekannte Boxeraufstand. (»Boxer« Mitglieder eines chinesischen Geheimbundes) Dieser Aufstand wurde unter anderem auch mit Hilfe der Kaiserlichen Deutschen Marineinfanterie beendet. Im Juni 1900 sollten die Takuforts in China von ihren Besetzern befreit werden.“ Dazu lief das Kanonenboot »SMS Iltis« der Kaiserlichen Marine unter dem Kommandanten Korvettenkapitän Wilhelm Lans in den Peiho-Fluß aus, um die Taku-Forts zu erobern.69 Das Boot zählte zu den kleinen Kriegsschiffen, die insbesondere im küstennahen Bereich eingesetzt wurden. Es wurde 1898 in Danzig fertiggestellt, war 62 Meter lang und gut neun Meter breit. An Bord befanden sich vier Schnellfeuerkanonen sowie sechs Revolverkanonen und rund 120 Mann Besatzung. Das Boot war bis zu 13 Knoten schnell (ca. 24km/h). Das Geschehen rund um das Taku-Fort, so die Gedenktafel weiter, „gab der damaligen Ehrenfelder Arbeiter Wohnungsgenossenschaft, heute Gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft Ehrenfeld eG, die Gelegenheit, die Straßen der im Jahre 1913 neu erbauten Wohnhäuser diesen geschichtlichen Namen zu geben. So entstanden die Takustraße, der Takuplatz, die Iltisstraße und die Lansstraße.“

Wilhelm Lans, seit April 1878 Angehöriger der Kaiserlichen Marine, seit 1881 Unterleutnant und seit 1885 Leutnant zur See, erhielt 1886 die Kommandantenstelle des Torpedoboots S12. Im April 1892 wurde er Kapitän-Leutnant und erhielt 1895 das Oberkommando der Marine, ehe er 1898 auf den Iltis abberufen wurde.70 Im Jahre 1913 erhielt er, wie Wissmann zuvor, den Adelstitel „von“.

Die Darstellung auf der Gedenktafel zu Lans blendet die entscheidenden Fakten aus und rekurriert auf das Bombardement mehrerer europäischer Staaten als eine Art Befreiungskrieg. Das kommt geradewegs einer Geschichtsklitterung gleich, die jüngst vor allem durch die Arbeiten von Mechthild Leutner korrigiert worden ist.71 Denn es war keineswegs das zivilisierte Deutsche Reich, das der barbarischen „gelben Gefahr“ die Stirn bot und ihr eine Lektion in kultureller und militärischer Hinsicht erteilte.

Was die Tafel fälschlich als Heldentat ausgibt, hat seinen Ursprung im imperialistischen Gebaren der europäischen Staaten des beginnenden 20. Jahrhunderts, die China gewaltsam dazu anhielten, ihnen insbesondere wirtschaftliche Privilegien einzuräumen. Dies und die Krisenstimmung in China gegen Ende des 19. Jahrhunderts, hervorgerufen durch Naturkatastrophen und Hungersnöte, führten letzten Endes zur Zuspitzung der Auseinandersetzungen zwischen den Europäern und den Chinesen. Die Aktivitäten der Missionare waren auch im „Reich des Drachen“ enorm. Sie warben aggressiv um chinesische Konvertiten und unterstützten diese in der Folge bei innerchinesischen Auseinandersetzungen. Die Praxis der Missionare fand nicht überall Anklang. Es kam zu Angriffen auf westliche Missionsschulen. In „Boxerschulen“ wurden zu diesem Zweck traditionelle Kampftechniken gelehrt. Die Unruhen, die von den Boxern (besser: den Yihetuan) ausgingen, wuchsen.72

Ende des 19. Jahrhunderts hatte China auch dem Deutschen Reich einen Teil seines Territoriums, Kiautschou, verpachtet, nachdem Kaiser Wilhelm II. massiven Druck ausgeübt hatte. Das Reich benötigte zur Abwicklung seines Handels sowie zur schrittweisen Kolonisierung Chinas deren Hafenstädte. Der wichtigste Stützpunkt wurde Tsingtau in der Bucht von Kiautschou, Provinz Schantung. Die Stadt sollte Stapelplatz und Umschlaghafen der Deutschen werden, von wo aus Waren ausgefahren und verteilt werden sollten.

Anders als auf dem afrikanischen Kontinent hatte man es in Asien mit einem in weiten Teilen verwalteten Riesenreich zu tun, das nur eine Art „indirekte Herrschaft“ ermöglichte, da der chinesische Staat als solcher zumindest im Kern erhalten blieb und die Kolonisation nicht vollends vollzogen wurde. Dem stand der Anspruch der Deutschen gegenüber, die zumindest aus Kiautschou eine Art Vorzeigekolonie samt industrieller Infrastruktur entwickeln wollten.73 Nach Alfred von Tirpitz, dem deutschen Großadmiral, sollte Kiautschou zeigen, wozu das Deutsche Reich imstande sei.74 In Kiautschou bestimmte nicht etwa eine Kolonialgesellschaft den Lauf der Dinge, sondern das Reichsmarineamt. Es war das teuerste deutsche Kolonialunterfangen. Dazu wurde es, nachdem es Ende 1899 und zu Beginn des Jahres 1900 innerhalb Chinas zu Interessenkonflikten zwischen den Yihetuan und der Regierung kam, als die Bewegung auf die Provinz Zhili, dann auf Peking und Tientsin übergegriffen hatte. Die Boxer setzten sich für den Kampf gegen die Kolonialmächte ein. Sie sahen ihre Aufgabe in der Vertreibung des Feindes. Die chinesische Regentin Tzu-Hsi ihrerseits war bestrebt, die Aktionen der Boxer zu unterdrücken, und bat die Kolonialmächte um Hilfe zum Schutz vor den Boxern. Dies war leichter gesagt als getan, denn die Boxer besaßen keine hierarchisch geordnete Organisation wie etwa die Stammeseinheiten in Afrika. Aus diesem Grunde folgte zunächst das allgemeine Verbot der Boxer. Doch waren es kaiserliche Truppen, die dieses Verbot unterliefen, indem sie sich den Boxern anschlossen und verhinderten, dass das Verbot durchgesetzt werden konnte. Die Yihetuan konnten so weitere Angriffe vor allem gegen (missionierte) chinesische Christen und Teile der Bevölkerung Pekings durchführen. Außerdem attackierten sie die von den Europäern erbaute Bahnlinie entlang der Küste. Die Ausschreitungen forderten zahlreiche Todesopfer.

In der ersten Junihälfte unternahm ein international zusammengesetztes Expeditionskorps den Versuch, die Boxer zurückzudrängen. Doch das Unterfangen scheiterte. Nach ihrem Rückzug stellten die europäischen Mächte ein Ultimatum, das die Übergabe des Küstenforts von Dagu (Taku) zum Ziel hatte. Am 17. Juni, kurz vor Ablauf des Ultimatums, eröffneten die Chinesen das Feuer. Die kriegerische Auseinandersetzung konnten letzten Endes die europäischen Alliierten für sich entscheiden. In der Presse hieß es, die Forts wären über sieben Stunden von Deutschen, Russen, Engländern, Franzosen und Japanern beschossen worden.75 Der Text rekurriert sodann auf die „geistige Trägheit der Zopfmänner“ sowie den „hinterlistigen und grausamen ostasiatischen Charakter“76 und bestimmt die Wiederherstellung der Ordnung als „Kulturpflicht des Abendlandes“.77 Auf Seite 3 der Zeitung war zu lesen: „Nach dem […] Angriff […] wurden die Forts von Taku genommen. Bei der Erstürmung fielen von dem deutschen Kriegsschiff Iltis drei Mann, 7 wurden verwundet.“

Die Teilnahme an der Schlacht um Fort Taku diente dem Deutschen Reich im Nachhinein zur Heroisierung des Deutschen Kanonenbootes „Iltis“ und seinem Kapitän Lans. Und Kaiser Wilhelm II. nutzte die gemeinsame Militäraktion, um den 17. Juni als Schlüsselereignis deutscher Geschichte darzustellen (durch die Eroberung der Forts wurde der Weg nach Peking über Land und Wasser geebnet) und die Rolle des Deutschen Reichs in der Welt starkzureden. Eine Woche später verlieh er Lans die überaus bedeutende militärische Auszeichnung „Pour le Mérite“.

Im Sommer dann belagerten die Boxer das Gesandtschaftsviertel in Peking. An ihrer Niederschlagung durch die militärische Allianz europäischer Staaten waren die Deutschen zum Ärger des Kaisers nicht wesentlich beteiligt.

 
Gesandtschaftsviertel. Aus: „China und Japan“ von Ernst v. Hesse-Wartegg (Verlagsbuchhandlung J. J. Weber Leipzig. 1900)
 

Ende Juli, kurz nach der Ermordung des deutschen Gesandten Clemens von Ketteler, hielt er deshalb vor deutschen Soldaten seine berühmt gewordene „Hunnenrede“, eine Bremerhavener Brandrede, für die er später scharf kritisiert worden ist, weil sie sich über jegliches Völkerrecht hinwegzusetzen anmaß. Wörtlich sagte er: „Kommt ihr vor den Feind, so wird er geschlagen. Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht. Wer euch in die Hände fällt, sei in eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen […], so möge der Name Deutschlands in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.“78

Mitte August fiel Peking, Tzu-Hsi floh und die Stadt wurde geplündert. Nun begannen die Europäer, unter ihnen auch Deutsche, die Verstecke der Boxer auszuheben. Es kam zu brutalen Übergriffen auf die chinesische Bevölkerung, um sie vor etwaigen zukünftigen Aufständen abzuschrecken. Dörfer wurden niedergebrannt, Frauen misshandelt. Weite Teile verelendeten in den Folgejahren. „Im Spätsommer des Jahres 1900 bot der Norden Chinas ein Bild äußerster Verwüstung. Die gewaltigen Stadtmauern der Hauptstadt Peking waren teilweise niedergerissen, ganze Stadtviertel waren in Schutt und Asche gelegt und das Gesandtschaftsviertel durch Kanonenbeschuß weitgehend zerstört. Nicht wesentlich anders sah es in Tientsin, der zweitgrößten Stadt Nordchinas, aus. In dem Gebiet zwischen den beiden Metropolen waren die Dörfer niedergebrannt und entvölkert, in den Flüssen trieben Leichen.“79 Ein Soldat berichtete: „Wir nahmen 83 Mann gefangen. Dieselben wurden mit den Zöpfen zusammengebunden und die Peitschen sausten immer auf die nackten Kerle unbarmherzig nieder. Jetzt wurden sie nach dem Lager gebracht und zwei Pfähle eingegraben, daran wurde eine Leine gebunden und die Chinesen in Abteilungen von 2x17 und 2x20 mit den Zöpfen angebunden und erschossen, so dass sie gleich in ihr Grab fielen.“80

Rund ein Jahr später war der Krieg in China beendet. Den Schlusspunkt setzte das so genannte „Boxerprotokoll“ von September 1901. Es legte unter anderem fest, Aufständische zu bestrafen, enorme Reparationen und Entschädigungen zu leisten. Mit Waffen durfte nicht weiter gehandelt werden. China behielt vorerst den Status einer Art Halbkolonie.

 

Fazit

„Die deutsche Kolonialgeschichte stellte eine Episode der deutschen Geschichte (1884/85-1918) dar. Sie war begleitet von hohen Erwartungen. Grundlegend waren Hoffnungen auf einen Einstieg in eine Weltpolitik, auf eine Ausweitung des Handels und ein Aufblühen der Wirtschaft. Zugleich dachte man an eine Entlastung des Bevölkerungsdrucks durch Auswanderung sowie an einen Export revolutionären Zündstoffs. Alle solche Spekulationen erwiesen sich als wenig stichhaltig. Auch unter Zugrundelegung zeitgenössischer Maßstäbe war die deutsche Kolonialgeschichte keine Erfolgsgeschichte. Geht man von dem Schicksal der Betroffenen, das heißt vor allem der Afrikaner aus, so muss man feststellen, dass „die deutsche Kolonialpolitik alles andere als ein Ruhmesblatt war“81, resümierte Günter Wollstein vor gut zwanzig Jahren. Dafür stehen die hier beschriebenen Fälle Peters und Wissmann. Beide fallen in die so genannte Experimentierphase der Jahre 1884 bis 1890. Dass die Carl-Peters-Straße einem anderen Namen weichen musste, ist ohne Zweifel gerechtfertigt. Es stellt sich die Frage, warum Peters und nicht auch Wissmann. Beide setzten auf je ihre Weise auf Gewalt und Brutalität im Umgang mit den/dem Fremden. Wissmann aber besaß weitaus größeren Einfluss als Peters und konnte sein Naturell noch ungezwungener ausleben als vor ihm Peters.

Der Krieg gegen die Yihetuan auf der anderen Seite gehört bereits der Stabilisierungsphase der deutschen Kolonialgeschichte an. Alle drei Beispiele zeugen von der Lebendigkeit der deutschen Kolonialvergangenheit. Sie sind Sinnbild eines politischen Ziels, welches die Kolonialaktivitäten des Deutschen Reichs im Straßenbild der Städte revitalisiert und ihm so symbolische Bedeutung zukommen lässt. Eine solche »symbolische Grundbuch-Topographie« (Honold) steht weiterhin zur Debatte, wenn es um die Kohärenz und Konsequenz kolonialen Handelns geht. Die Frage, ob moderne Metropolen wie Köln an dieser Vergangenheit symbolisch festhalten möchten, muss zumindest erörtert und diskutiert werden. Auf der anderen Seite gilt hierbei stets zu bedenken, was Günter Wollstein in seinem Gutachten über Peters und Lüderitz festgestellt hat: dass nämlich Hinweise auf Aspekte der deutschen Geschichte, die nicht Vorbildcharakter haben, durchaus zu tolerieren sein könnten.

 

Dank

Ich danke meinem Kollegen Dr. Jens Ruppenthal sowie Ralf Berger vom Allerweltshaus in Köln für zahlreiche Hinweise zum Thema, Kathrin Treins für die Bereitstellung Ihrer Magisterarbeit zu Eugen Langen, Erich Hermans für die Auskunft zur Diskussion über Peters in den 1980er Jahren, Dr. Hartmut Bergenthum von der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg in Frankfurt am Main für die Bereitstellung der Bilddateien.

Ein ganz besonderer Dank gebührt Dr. Herbert Clasen von den Kölner Grünen, der sich die Mühe machte, die Akten der Nippeser BV zu durchforsten und mich mit zahlreichem Material zur Umbenennung der Peters-Straße versorgte.

Schließlich hätte ich ohne die virtuellen Erinnerungsorte von Marianne Bechhaus-Gerst („Kopfwelten“) und Heiko Wegmann („Freiburg postkolonial“) den Text in dieser Form nicht verfassen können.

 

Literatur

 

Internet

1 Vgl. dazu Honold, Afrika in Berlin. Der Artikel erschien leicht verändert unter dem Titel „Afrikanisches Viertel. Straßennamen als kolonialer Gedächtnisraum“ auch in: Kundrus, Phantasiereiche.
2 Ebd.
3 Vgl. Kapitel 3.2 bei Treins, die als Quelle das Kölner Tagblatt vom 1. Juli 1890 angibt (Nr. 149).
4 Benannt nach Wilhelm I.
5 Treitschke, Politik.
6 Vgl. Fabri, Kolonien.
7 1997 zog der Geisterzug unter dem Motto „Afrikanische Träume“ auch durch das Afrikaviertel in Nippes.
8 Ratsprotokoll vom Oktober 1988.
9 Herbert Clasen von den Grünen stellte mir dankenswerterweise die entsprechenden, anonymisierten BV-Protokolle und Zeitungsausschnitte der Jahre 1986-1990 zur Verfügung.
10 So Erich Hermans und auch Herbert Clasen in einer Mail an mich.
11 Auch hierbei wird – erstaunlicherweise – nicht differenziert zwischen verschiedenen afrikanischen Staaten.
12 So Wollstein, Gutachten.
13 Ziffer 3 des Ratsbeschlusses vom 20.11. 1980.
14 Es kam im Eifer des Gefechts zu einer Verwechslung der Kolonial-Protagonisten Peters und Lüderitz, da die Lüderitzstraße heute Usambarastraße (Ostafrika) heißt. Siehe dazu die Akten der BV Nippes zum Thema. So auch Erich Hermans in einer persönlichen Mail an mich.
15 Holger Kroker, Erinnerungen.
16 Peters, Die Gründung von Deutsch-Ostafrika.
17 Ebd.
18 Nach Müller, Zanzibar.
19 Nach dem Deutschen Reichskanzler ist die Bismarckstraße in Neustadt Nord benannt.
20 Peters, Gründung.
21 Nach Gravenreuth ist die Gravenreuthstraße in Ehrenfeld benannt.
22 So Peters´ Credo in der „Gründung“ und den „Lebenserinnerungen“.
23 Peters, Kolonialpolitische Aufsätze.
24 Ebd.
25 Ebd.
26 Ebd.
27 Ebd.
28 Ebd.
29 So etwa in den „Lebenserinnerungen“.
30 Vgl. GS, Band 3.
31 Vgl. seine „Lebenserinnerungen“.
32 Vgl. Kolonialpolitische Korrespondenz, 1. Jg., Berlin, 16. Mai 1885.
33 Vgl. z.B. Speitkamp, Pesek, Perras.
34 Peters, Gründung.
35 Vgl. Peters´ Lebenserinnerungen.
36 Peters, Gründung.
37 Siehe Bettina Mittelstraß, Ehrenfeld.
38 Siehe Kölner Straßennamen-Lexikon.
39 Vgl. Richelmann u. a.
40 Die Ausstellung wird im Herbst 2009 im Ehrenfelder Rathaus zu sehen sein.
41 Vgl. www.kopfwelten.org
42 Vgl. Morlang, Weg.
43 Wissmann, Behandlung.
44 Vgl. Gründer, Speitkamp, Richelmann.
45 Siehe dazu: Morlang, Askari.
46 Die Bereitstellung des Geldes wurde von Ludwig Windthorst beantragt.
47 Im Jahre 1990 verewigte die Stadt Köln Langen als Figur im Kölner Ratsturm. In Elsdorf ist eine Schule nach ihm benannt. Siehe hierzu die bis dato unveröffentlichte Magisterarbeit von Kathrin Treins.
48 Treins, ebd.
49 Ebd.
50 Vgl. die Reichstagsprotokolle vom Dezember 1889.
51 Ebd.
52 Vgl. das Deutsche Koloniallexikon sowie Morlang, Richelmann und Pesek.
53 Ebd.
54 Vgl. Müller, Deutschland – Zanzibar.
55 Zitiert nach Jutta Bückendorf, Schwarz-weiß-rot. Siehe dazu auch: Morlang, Weg.
56 Maercker, Schutztruppe.
57 Dazu vor allem Pesek.
58 Vgl. Dreesbach, Zurschaustellung.
59 Siehe dazu: www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/2007-Mezger-Maji.pdf.
60 Vgl. Richelmann.
61 Ebd.
62 Vgl. Reichstagsprotokolle.
63 Vgl. Richelmann.
64 Vgl. Reichstagsprotokolle.
65 Vgl. Richelmann.
66 Vgl. ebd.
67 Siehe dazu auch: Morlang, Weg.
68 So die Tageszeitung am 10. Januar 2004.
69 Auf Youtube gibt es sogar ein über dreiminütiges Video, das die Beschießung der Forts dokumentiert.
70 Freiburger Zeitung Nr. 142 vom 22. Juni 1900.
71 So Leutner, Takustraße. Zum Folgenden siehe vor allem diese Arbeit.
72 Siehe Amelung, Barbaren sowie Leutner, Takustraße.
73 Siehe Leutner und Kuss/Martin.
74 Tirpitz, Erinnerungen.
75 Freiburger Zeitung, Nr. 140 vom 20. Juni 1900, Titel.
76 Ebd.
77 Ebd.
78 Zitiert nach Mommsen. Vgl. auch Leutner und Sösemann.
79 Amelung, Barbaren.
80 Zitiert nach Wielandt/Kaschner, Reichstagsdebatten.
81 So Wollstein in seinem Gutachten 1989.

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Letzte Aktualisierung am: 03.08.2009